Morbides Verlangen 14

Morbides Verlangen 30. Jan. 2023

Es klingelt dreimal, bis die vertraute Stimme von Georg sich mit einem besorgten «Hallo?» meldet. Im ersten Moment weiss ich gar nicht, was ich sagen soll. Es fühlt sich so an, als hätte meine Libido sämtliche anderen Gehirnfunktionen blockiert.

«Em? Ist alles in Ordnung? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.»

«Ehh… ja, wieso?», melde ich mich nach ein paar Sekunden des Schweigens zu Wort. Es raschelt am anderen Ende der Leitung.

«Hab gehört, du hast dich krank gemeldet. Ist mit der Katze deiner Mom alles in Ordnung?»

«Katze?», wiederhole ich verwirrt und zupfe dabei nervös an meiner Kuscheldecke herum, während meine Gedanken um Nachtwolf und Daniela kreisen und um das, was sie gerade miteinander tun.

«Na du meintest doch, dass du Medikamente für die Katze von deiner Mom holen musst. Und als du nicht mehr zurück ins Büro gekommen bist, dachte ich mir, vielleicht ist sie gestorben oder so. Also die Katze, nicht deine Mom.»

Schlagartig kehrt die Erinnerung zurück und verdrängt vorerst den Porno in meinem Kopf. Wow. Ich hätte mir definitiv eine bessere Notlüge einfallen lassen können, als das Ding mit der Katze meiner Mom.

«Achso, ja, mit der ist alles in Ordnung»

«Dann bin ich ja beruhigt. Geht’s dir denn gut?» Georg klingt skeptisch und ich kann es ihm nicht mal verübeln. Normalerweise lege ich bei der Arbeit nicht so einen Abgang hin, wie ich es heute getan habe. Aber eigentlich bin ich Georg keine Rechenschaft schuldig.

«Eh, sag mal, hast du Lust auf Sex?»
Im selben Moment, in dem die Worte meine Lippen verlassen, bereue ich sie sogleich und hätte sie nur liebend gerne aus diesem Gespräch ausradiert und zurück in meinen vorlauten Mund gestopft.

«Was?!»

«Sorry, war ne blöde Idee. Wir sehen uns morgen bei der Arbeit. Tschüss.»

«War…»

Abrupt beende ich den Anruf und befördere mein Handy mit Schwung weit weg von mir und aus meiner Reichweite. Aber nicht weit genug weg, um nicht mitzubekommen, wie das Display erneut aufleuchtet, weil Georg versucht, mich zu erreichen. Beschämt wende ich den Blick ab. Was zum Teufel habe ich mir eigentlich dabei gedacht? Und nein, ich werde morgen garantiert nicht zur Arbeit gehen. Vielleicht sollte ich darüber nachdenken, nie wieder zur Arbeit zu gehen. Am besten schreibe ich gleich meine Kündigung.

Ohne Umwege schleife ich meinen Körper ins Schlafzimmer und lege mich ins Bett. Ganz nach dem Motto, aus den Augen, aus dem Sinn und morgen sieht die Welt schon wieder viel besser aus. Hoffe ich. Bete ich. Aber an Schlaf ist sowieso nicht zu denken. Mein Kopf ist viel zu voll und ich beneide nach wie vor diese Daniela. Vielleicht hätte ich von Nachtwolf verlangen sollen, bei mir vorbeizukommen und mit mir zu schlafen. Andererseits kommt das doch total verzweifelt rüber, wenn ich einen Mann in Rahmen eines perversen Spiels dazu auffordern muss, Sex mit mir zu haben, weil ich es anders einfach nicht auf die Kette bekomme. Eventuell sollte ich mir ein Profil bei Tinder anlegen und mich wenigstens ein paar Mal “flachlegen” lassen, bevor ich mir die Kugel in Form von Pillen gebe und einen Abgang mache. Was ist nur los mit mir? Und was zur Hölle stimmt nicht mit mir? Ob meine Eltern daran schuld sind, dass ich so verkorkst bin? Oder ist es die Gesellschaft? Okay, nein. Wahrscheinlich bin ich schlichtweg selbst schuld daran, dass ich so eine dumme Kuh bin, die ihr Leben nicht im Griff hat.

Irgendwann zwischen Selbsthass und Selbstmitleid muss ich wohl trotzdem irgendwie eingeschlafen sein, denn das Klingeln an der Tür weckt mich unsanft aus meinem Dornröschenschlaf. Knurrend reibe ich mir die Augen und als ich aus Gewohnheit nach meinem Handy greifen will, um nach der Uhrzeit zu sehen, stelle ich fest, dass es noch immer auf dem Schreibtisch im Büro liegt, weil ich mich bei Georg, notgeil wie ich bin oder war, zum Affen gemacht habe. Müde und erschöpft richte ich mich auf und schaue aus dem Fenster. Es ist zappenduster draußen, lediglich die Straßenlaternen werfen ihr Licht auf den nassen Asphalt. Und es scheint geregnet zu haben.

Erneut klingelt es an der Haustür. Mein erster Tipp und mit dem liege ich vermutlich verdammt richtig – es handelt sich bei dem Klingler um Georg, der auf eine Erklärung wartet. Georg, bei dem ich mich sowas von blamiert habe. Georg, mein charismatischer, gutaussehender und stets gut gelaunter Arbeitskollege, mit dem ach so erfüllten Sexleben. Widerwillig schiebe ich die Decke von mir, stehe auf und suche im Dunkeln nach irgendetwas, was ich mir überwerfen kann. Irgendwo auf dem Boden finde ich ein langes Nachthemd - dann torkle ich in Richtung Büro und suche mein Handy. 25 verpasste Anrufe von Georg und als wäre das der Startschuss für denjenigen vor der Tür, richtig loszulegen, klingelt es plötzlich Sturm. Begleitet von heftigem Klopfen. Eigentlich will ich die Tür nicht öffnen und schon gar nicht mit Georg reden. Es kostet mich alle Überwindung, die ich aufbringen kann, um die Klinke herunter zu drücken und mich meinen Dämonen zu stellen.

Als die Tür einen Spalt geöffnet ist, erblicke ich einen völlig aufgelösten Georg, der mit Kapuzenpullover und grauer Jogginghose ganz anders aussieht, als der Georg, der mir im Anzug beinahe jeden Tag, gut gelaunt, im Büro gegenübersitzt.

Die feuchten Augen des Mannes weiten sich, als er mich sieht und ich glaube, sowas wie Erleichterung in ihnen aufblitzen zu sehen.

«Em! Gott sei Dank! Es geht dir gut!»

Völlig perplex schaue ich meinen Arbeitskollegen an und kneife irritiert die Augenbrauen zusammen. Okay. Was ist denn in den gefahren? Der führt sich ja wirklich auf, als hätte ich ihn am Telefon nicht um Sex, sondern um einen Kopfschuss gebeten.

«Ja, warum sollte es mir nicht gut gehen. Ich habe geschlafen und bin nur etwas durch den Wind, nichts weiter», sage ich leise und hoffe, dass meine Nachbarn nicht mitbekommen haben, dass Georg vor meiner Tür den Hulk rausgelassen hat, nur um sich zu vergewissern, dass es mir gut geht.

«Ich dachte, du hast dir was angetan. Oh Gott… tu mir das nie wieder an. Nie wieder. Hast du gehört?!»

Auf eine seltsame Art und Weise fühle ich mich ertappt. Ausspioniert. Bespitzelt.

«Warum sollte ich mir etwas antun wollen?»

«Denke nicht, dass mir nicht aufgefallen ist, dass es dir in letzter Zeit nicht so gut geht.»

“In letzter Zeit? Mir geht es seit Jahren nicht gut. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wann ich das letzte Mal so richtig glücklich war”, denke ich, sage aber nichts und presse angestrengt die Lippen aufeinander.

«Und nachdem du einfach so aus dem Büro abgehauen bist und nach deinem Anruf vorhin…. Da dachte ich, oh nein. Was ist, wenn sie sich etwas antun will? Außerdem hast du nicht auf meine Anrufe reagiert. Ich hatte schon Angst, dass du tot in der Wanne liegst.»

Fassungslos starre ich meinen Arbeitskollegen an und merke, wie mir die Kinnlade abhanden kommt und zu Boden segelt. Ich weiss nicht, was ich erwidern soll. Bin ich im falschen Film gelandet? Irgendwas mit Leonardo Di Caprio und sinkenden Schiffen? Denn wie tief muss ich gesunken sein, wenn ein Mann von mir denkt, dass ich mich umlegen will, nur weil ich ihn nach Sex mit mir frage?

Stille breitet sich zwischen uns aus, die unangenehmer nicht hätte sein können und dann, nach einer ewig langen Weile, bemerke ich erst, dass auch Georgs Mund offen steht und seine Wangen so rot leuchten wie Ampeln. Verwirrt folge ich seinem Blick und schaue an mir herab. Mein Nachthemd steht offen und gewährt einen tiefen Einblick auf meine… Oh… Scheisse. Und dann, als hätte man einen Schalter umgelegt, erwacht irgendetwas in Georg.  Die Tür fliegt ganz auf und von einer Sekunde auf die Nächste bäumt sich Georg vor mir auf und packt mich unsanft an der Schulter. Als mein Rücken die Wand berührt, fühle ich mich zwischen seinem gestählten Fitness-Body und Raufasertapete gefangen. Ohne ein Wort zu verlieren, bückt sich Georg zu mir herunter und drückt seine Lippen auf meine. Obwohl ich mich zu Georg niemals hingezogen gefühlt habe, hinterlässt sein Kuss einen verheißungsvollen Stich, genau da, wo es Kribbeln sollte, dennoch erwidere ich nur zögerlich, was dieser Mann angefangen hat. Scheint ihn aber nicht zu stören, denn seine Hand verschwindet unter dem Stoff, den ich an meinem Körper trage und seine warmen Finger tasten sich erstaunlich schnell vor und werden fündig. Es dauert keine Sekunde und ich bin ziemlich schnell da, wo der Mann mich haben will und hänge dabei an seinen Lippen, als wären sie ein Rettungsboot. Neckisch treiben mich die geschickten Finger näher an den Abgrund und es fühlt sich unglaublich an. Man merkt, dass Georg definitiv weiss, was er da tut, und selbstmörderisch wie ich bin, springe ich nur allzu gerne über die Klippe und in den freien Fall hinein.

Zitternd erschaudere ich an der Wand und merke erst, wie weich meine Beine sind, als sie drohen unter mir wegzuknicken. Superheld Georg hält mich fest und beendet unseren Kuss für einen kurzen Moment, um mich siegreich anzugrinsen. Aus Reflex will ich ihm die Zunge rausstrecken, komme aber nicht dazu, weil der Mann mich, als würde ich nichts wiegen, einfach hochhebt. In freudiger Erwartung schlinge ich meine Beine um ihn und erwarte, dass wir zum nächsten Schritt übergehen. Werde aber gnadenlos enttäuscht. Statt das zu tun, weshalb ich ihn, vor keine Ahnung wie vielen Stunden, angerufen habe, trägt er mich ins Schlafzimmer und legt mich aufs Bett. Die kurzen Haare kitzeln mich an der Wange, als er mich loslässt und die Decke über mich zieht, als wäre ich ein Kleinkind, das zugedeckt werden muss. Fehlt nur noch der Gute-Nacht-Kuss und...

«Schlaf gut, hübsche Emily», flüstert mir Georg leise ins Ohr und bringt mich damit völlig aus dem Konzept und zum Blinzeln. Ist das jetzt sein Ernst oder versucht er nur lustig zu sein und mich zu veräppeln? Hungrig nach mehr, will ich nicht akzeptieren, dass das jetzt schon alles gewesen sein soll und umfasse das Gesicht des Mannes mit meinen Händen, was ihm nur ein Lächeln der Sorte “Haha, nix da” entlockt.

«Genug für heute.»

«Du gehst!?»

«Ja, ich will das zwischen uns genießen. Ist wie mit einer Tafel Schokolade. Immer nur einen kleinen Happen nehmen. Wir sehen uns morgen, du süsse Maus.»

Mehr als ein gequältes «Tschüss» bringe ich nicht über meine wundgeküssten Lippen. Nie hätte ich gedacht, dass sich Befriedigung so unbefriedigend anfühlen kann. Die Tür fällt ins Schloss und mein Verstand fängt an zu rattern. Na toll. Jetzt fühle ich mich schmutzig und irgendwie benutzt. Trotzdem ist es ungewohnt schön gewesen. Mit Georg. Heiß. Aufregend. So ganz anders, wie mein Leben sonst so abläuft. Und Georg sieht nicht schlecht aus, eigentlich ist er sogar sehr gut aussehend und eine gute Partie, wenn man einmal davon absieht, dass seine dauerhaft gute Laune mir irgendwann anfängt unfassbar auf den Wecker zu gehen. Mich selbst dafür verfluchend, dass ich gerade in meinem Kopf eine Pro- und Contra Liste für meinen Arbeitskollegen anlege, statte ich der Dusche einen Besuch ab. Wieder im Bett, besteht meine erste Amtshandlung darin, mein Handy zu checken und all die positiven Gefühle in negative zu verwandeln. Ich bin wirklich ein Junkie, denn das, was ich tue, ist Selbstzerstörung vom Feinsten. Ich mache meine Laune davon abhängig, ob ich meinen Stoff bekomme oder nicht und Dealer Nachtwolf setzt mich schon wieder auf Nachrichten-Entzug.

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