Schmutziger Oktober - Kratzen

Schmutziger Oktober 6. Nov. 2022

Im Jetzt



„350‘000 Euro“, wiederholt Hoku und ich kann die „Dollar“-Zeichen in seinen Augen aufblitzen sehen. Wir sitzen am Tisch und essen zusammen. Es kommt selten vor, dass wir das tun, doch heute habe ich darauf bestanden, dass er sein Training ausnahmsweise einmal ausfallen lässt. Es gibt Spaghetti Carbonara aus der Tüte. Kein kulinarisches Meisterwerk, aber das Essen ist sowieso nebensächlich.

„Denkst du, wir können den Preis in die Höhe treiben?“, Hoku schiebt sich eine Gabel Spaghetti in den Mund und hebt die Augenbrauen an, offensichtlich sehr angetan von der Idee, Rachel’s Jungfräulichkeit zu verkaufen.

„Wenn wir das tun, ist es Zuhälterei. Und Zuhälterei erhöht die Strafe“, sage ich und schaue Hoku beim Kauen zu.

„Wenn sie uns erwischen“, gibt er schmatzend von sich. Seine Mundwinkel zucken. „Wenn wir den Preis noch ein bisschen erhöhen, haben wir unser Ziel mehr als erreicht, können sie loswerden und endlich von hier verschwinden.“

Das Wort „Loswerden“ löst nun neue Gefühle in mir aus, von denen ich mir sicher bin, dass sie mit dem Kuss zusammenhängen. Ich räuspere mich, weil der Kloß in meinem Hals anschwillt, dann schaue ich auf meinen Teller hinunter und auf die Gabel in meiner Hand.

„Ich habe sie heute geküsst“, gestehe ich, weil ich es nicht für mich behalten kann, das Geheimnis kratzt in meiner Kehle und macht mich wahnsinnig. Hoku muss es einfach wissen. Schon nur, weil ich seine Meinung dazu hören will.

Seine Reaktion ist wie erwartet. Die Brauen rutschen noch mehr in die Höhe und die blauen Augen weiten sich.

„Du hast Rachel geküsst?“, bohrt Hoku ungläubig nach und schluckt die Spaghetti in seinem Mund krampfhaft hinunter. „Also, du hast sie geküsst. Freiwillig? Du sie, nicht sie dich?“

„Nicht unbedingt freiwillig“, druckse ich herum.

„Das heißt?“

Ich greife mir der freien Hand in meine Hosentasche und hole die Knarre heraus, dann lege ich sie neben meinem Teller auf den Tisch. „Sie hatte die hier in ihrem Besitz, weil ich unvorsichtig war und dann hat sie den Kuss eingefordert.“

Hoku lacht kurz auf, als hätte ich einen blöden Witz gerissen. „Warte was? Du warst unvorsichtig?“

Ich zucke mit den Achseln. „Spielt das eine Rolle?“

„Und wie das eine Rolle spielt“, Hoku lässt die Gabel auf den Tisch sinken und schnauft einmal durch die Nase. „Warum hat sie dich nicht einfach erschossen?“

„Weil sie eh nicht abhauen hätte können“, tippe ich.

„Und dann will sie einen Kuss von dir?“, gibt Hoku zu bedenken und in seiner Stimme liegt Argwohn.

Ich zucke wieder mit den Achseln. „Wir haben uns eine Schnulze angesehen und eine Diskussion darüber gehabt, wie lächerlich ich Schnulzen finde und sie meinte daraufhin, dass wir ihr das alles vorenthalten. Vielleicht…“

„Nael“, unterbricht mich Hoku und manövriert dabei seine beiden Ellenbogen auf den Tisch. Seine Augen fokussieren mich und plötzlich komme ich mir vor wie ein Hirsch vor der Flinte eines Jägers. Kurz vor dem Abschuss.

„Was läuft da zwischen euch? Ich muss wissen, wenn da etwas läuft.“

„Es läuft nichts. Wir haben uns nur geküsst.“

„Und zuvor hat sie dir ihre Pussy gezeigt.“

Mangels Antwort zucke ich ein drittes Mal mit den Achseln. „Ich verstehe dieses Mädchen nicht. In letzter Zeit ist sie….“

„Ziemlich geil auf dich“, beendet Hoku meinen Satz anders als von mir beabsichtigt. Aber der Gedanke ist mir natürlich auch schon gekommen. Und er gefällt und missfällt mir gleichermaßen.

„Ich kann mir nicht erklären wieso“, gebe ich zu. „Ich verhalte mich nicht anders als sonst.“

Hoku sieht mich eindringlich an, dann seufzt er nach einer Weile. „Ist dir jemals der Gedanke gekommen, dass du attraktiv bist?“

Nun springen meine Brauen nach oben. „Bitte was?“

Hoku rollt die Augen, zieht einen Mundwinkel verschmitzt in die Höhe und schnaubt. „Du bist attraktiv, Nael. Du bist ein attraktiver Mann.“

Jetzt wird es lachhaft. „Ich bin attraktiv?“, ich tippe auf die kleine Brandnarbe unter meinem rechten Auge, die mein Gesicht verunstaltet. Hoku verzieht seinen Mund zu einem Grinsen. „Sieh dich an, Nael“, sein Blick gleitet einmal an mir herab. In Zeitlupe.

„Du bist groß. Du hast breite Schultern. Bist ziemlich, ziemlich gut gebaut und du hast volles und dunkles Haar und außerdem ein schönes Gesicht.“

„Ich habe die hier“, ich tippe wieder auf die Narbe unter meinem Auge und stehe von meinem Stuhl auf, um meinen Pullover hochzuziehen. „Und die hier und das hier“, nacheinander demonstriere ich Hoku all meine Makel, von denen ich überzeugt bin, dass sie mich hässlich machen. Die Brandwunden überall auf meinem Oberkörper und die unschöne Narbe über meinem Schritt, die aussieht, als käme sie von einer Operation und als wäre der Arzt ein Amateur gewesen. In Wirklichkeit stammt die Narbe vom Spiel. Ein Andenken an die Lady.

Hoku seufzt wieder. „Ändert nichts daran, dass du attraktiv bist. Aber wenn wir schon dabei sind, hat Rachel dich überhaupt einmal nackt gesehen?“

Das ist der Moment, in dem meine Kinnlade nach unten sackt und ich den Mann vor mir ungläubig ansehe. „Wenn ich die Kontrolle verloren hätte, hätte ich es dir gesagt“, schnauze ich meinen Mitbewohner, Komplizen und Freund an.

„Das meine ich nicht“, Hoku schüttelt den Kopf. „Ich wollte nur wissen, ob sie dich ohne deinen Pullover und die Jogginghose gesehen hat.“

„Nein.“

„Dann kann sie deine Makel nicht kennen.“

Das ist ein Punkt. Trotzdem.

„Ich bin nicht attraktiv“, beharre ich eisern. Keine Ahnung, wieso ich so sehr darauf beharre. Eigentlich ist es mir egal. Optisch bin ich unattraktiv und meine Persönlichkeit ist so hässlich wie die Nacht. Theatralisch ausgedrückt.

„Der Kuss hat dich ziemlich aus der Bahn geworfen, was?“, Hoku lächelt, doch das Lächeln erreicht seine Augen nicht.

„Du bist die letzte Person, die mich geküsst hat, also ja, es war ungewohnt, zu küssen. Das ist nicht mein Ding, das ist mehr dein Ding.“

Hoku‘s Augenbrauen springen überrascht nach oben. „Ich habe dich einmal geküsst? Daran kann ich mich nicht erinnern.“

Nun lächle ich, doch es ist eher ein angesäuertes wie ein amüsiertes Lächeln. „Verarschst du mich gerade?“

Hoku‘s Lippen verziehen sich zu einem Strich. „Ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, dich jemals geküsst zu haben.“

Ich verschränke die Arme vor meiner Brust. „Als das Haus gebrannt hat, hast du mich geküsst.“

„Daran kannst du dich erinnern?“, Hoku wirkt erstaunt. Aufrichtig erstaunt und ich wünsche mir, es wäre anders. „Ich kann mich an alles erinnern.“

„Und seitdem hast du nie wieder jemanden geküsst?“

„Wen hätte ich denn küssen sollen?“

„Ich weiß nicht, irgendjemanden?“, Hoku steht ebenfalls von seinem Stuhl auf. Nun begegnen wir uns auf Augenhöhe. Zwischen uns der Tisch und lauwarme Spaghetti Carbonara.

„Hat dir der Kuss etwas bedeutet?“, Hoku sieht mich an. Ich sehe ihn an.

„Welchen davon meinst du?“, frage ich und komme mir lächerlich vor.

„Unser Kuss, damals als das Haus gebrannt hat.“

„Ich dachte, dir hätte er etwas bedeutet, aber anscheinend nicht, wenn du ihn vergessen hast.“

„Hast du deswegen eine Ewigkeit lang nicht mehr mit mir geredet? Weil ich dich geküsst habe?“

„Du kannst dich also doch daran erinnern“, stelle ich trocken fest. Hoku beißt sich merkbar auf die Unterlippe, dreht dann den Kopf von mir weg, als wäre ihm die ganze Sache hier peinlich. Dann kommt der absolute Kracher in Form eines Geständnisses, das ich so nicht erwartet hätte.

„Ich war die ganze Zeit über in dich verschossen, Nael. Klar, hat mir dieser Kuss damals etwas bedeutet. Was denkst du, warum ich ständig in Kleidern rumgerannt bin und meine Haare wachsen lassen habe? Nicht nur wegen dem Spiel, auch wegen dir. Damit du mich magst.“

„Ich hätte dich auch mit kurzen Haaren und Hosen gemocht“, antworte ich knapp.

„Ich habe mich aber als Junge nicht gemocht“, murmelt Hoku und rauft sich die Haare, die er sich, seit wir unseren Plan mit der Entführung ins Auge gefasst haben, regelmäßig färbt. Das Möhren-Orange von damals ist Geschichte und der Farbe schwarz gewichen. Erst jetzt stelle ich fest, wie sehr ich das Möhren-Orange an ihm vermisse.

„Ich habe mir für uns beide einfach etwas anderes gewünscht. Okay?“, schiebt Hoku hinterher und sieht mich wieder an. Da liegt etwas Zögerliches in seinem Blick.

„Okay.“

„Und hat dir der Kuss damals etwas bedeutet?“

„Du bist der einzige Mensch, der mir was bedeutet“, sage ich und entlocke Hoku ein Lächeln. „Und was ist mit den Nutten?“, neckt er mich und lässt dabei seine Augenbrauen amüsiert auf und ab tanzen.

Ich rolle mit den Augen. Er beginnt zu lachen. „Also, was ist mit den 350‘000 Euro? Machen wir es?“, bohrt er nach einer Weile des Schweigens nach.

„Das wäre wie wenn wir mit Rachel das Spiel spielen.“

„Nur diesmal stellen wir die Spielregeln auf.“

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