Rubinrot - 1

Von der Anstalt zurück nach Hause


“Dein Zimmer ist noch genauso wie du es zurückgelassen hast, Liebling”, ruft mir Nora, meine Mutter, hinterher, als ich mit meinem Koffer die Stufen nach oben in den ersten Stock erklimme. Und sie hat Recht. Mein Zimmer ist tatsächlich genauso wie ich es in Erinnerung habe. Mintgrüne Wände übersäht mit zahlreichen Postern von Bands, die ich einmal mochte oder noch immer mag. Hellbrauner Teppichboden. Ein volles Bücherregal mit diversen Krimis und Romanen. Mein alter Schreibtisch mit meinen alten Zeichnungen darauf. Das viel zu kleine Einzelbett, das bei jeder Bewegung quietscht, als würde es gleich auseinanderfallen. Ein alter Mocca-brauner Ledersessel mit Kratzspuren von Kaitou Kid, meinem Kater, ein schneeweißes Fellknäuel, das leider nicht mehr unter uns weilt und zu guter Letzt, der Kleiderschrank mit den kaputten Schiebetüren. Ich seufze und manövriere meinen Koffer in mein Zimmer herein, dann lasse ich mich auf den Sessel direkt vor dem Fenster fallen und blicke hinaus. Es sieht alles noch genauso aus, wie ich es in Erinnerung habe - als wäre die Zeit zuhause einfach stehengeblieben. Idyllisch, langweilig, typische Vorstadtsiedlung mit gepflegten Vorgärten und viel zu netten Nachbarn, die einen freundlich mit dem Vornamen grüßen, sobald man ihnen über den Weg läuft. Ich weiß noch, wie mein Krimi-begeistertes-Ich es damals geliebt hat, die Nachbarn heimlich zu beobachten. Dabei habe ich mir gerne vorgestellt, sie bei irgendetwas Illegalem zu ertappen. Einem Mord oder so was in der Art. Ist natürlich niemals vorgekommen. Zumindest nicht in der Straße, in der wir wohnen. Zum Glück.
Nach wenigen Minuten klopft es leise an der Tür. Wie einstudiert verlässt ein “Herein” meinen Mund, in der Erwartung gleich das besorgte Gesicht meiner Mutter zu sehen. Aber es kommt ganz anders. Mein kleiner Bruder Sandro, mittlerweile bereits 15 Jahre alt, streckt den Kopf zur Tür herein. “Darf ich reinkommen, Maik?”, fragt er schüchtern, obwohl ich ihn ohnehin schon hereingebeten habe. Ich nicke mit dem Kopf und signalisiere ihm mit einer Handbewegung einzutreten. “Nur zu.”
Sandros Mund verzieht sich zu einem zaghaften Lächeln, dann holt er kurz einmal Luft, als müsste er sich vor Irgendetwas wappnen. Die Tür geht auf und für einen Moment herrscht Stille zwischen uns. Er sieht mich an, ich sehe ihn an. Besser gesagt, ich starre das hellblaue Kleid an, das er trägt und bleibe an den dazu farblich passenden lackierten Fingernägeln hängen. Es ist nicht so, als hätte man mich nicht vorgewarnt, was mich erwarten würde, aber es zu sehen, ist etwas anderes, als es lediglich erzählt zu bekommen.
“Und, wie findest du es?” Sandro, oder besser gesagt Sandy, wie ich ihn ab heute nun nennen soll, streicht nervös über sein sommerliches Kleid.
“Gut.” Denke ich. Glaube ich? In den sieben Jahren, in denen ich weg war, hat sich zwar die Umgebung kaum verändert, dafür mein Bruder umso mehr. Nicht nur optisch, auch charakterlich. Klar, er hatte mich während meiner Abwesenheit - Therapie - öfters zusammen mit Nora in der Klinik besucht, aber Nora hatte ihn stets gebeten, “normal” zu erscheinen und auf meine “instabile Persönlichkeit” Rücksicht zu nehmen. Dieser Welpenschutz ist jetzt vorbei und mein Bruder nutzt offenbar die erste Gelegenheit, um mir sein richtiges Ich vorzustellen oder besser gesagt, mich mit seinem richtigen Ich zu konfrontieren. Was ich gut finde, wirklich. Ich habe nichts gegen Sandy. Also… die neue Sandy. Ich habe Sandro auch früher schon Sandy genannt. Damals war es nur ein Spitzname und heute ist es seine Identität. Aus einem Er ist eine Sie geworden, oh Mann, daran muss ich mich erst noch gewöhnen, aber man kann sich schließlich an alles gewöhnen. So irgendwie. Er akzeptiert mich mit meinem Dachschaden - also muss oder sollte ich ihn in seinem Kleid akzeptieren. Fairer Deal würde ich sagen.
“Wirklich?”, hakt Sandy unsicher nach und scheint in meinem Gesicht nach möglichen Zweifeln zu suchen.
“Ja, wirklich. Sieht gut aus”, versichere ich ihm und motiviere meine Mundwinkel zu einem halbwegs überzeugenden Lächeln. Sowas wie Lächeln fällt mir schwer. Früher ist mir sowas einfach einfacher gefallen, doch heute muss ich mich zu allem überwinden, besonders weil ich in vielen Dingen keinen Sinn mehr sehe. Wie Lächeln. Oder Atmen. Essen. Trinken. Das ganze überlebensnotwendige Zeug eben, was Menschen so tun, weil es zum Leben dazu gehört es zu tun.
“Echt? Krass, cool. Also cool, dass du cool damit bist. Also du weißt schon, wie ich das meine. Oder?” Sandy streift sich verlegen eine lange, blonde Haarsträhne hinter das linke Ohr, in dem drei kleine blaue Steinchen funkeln. Piercings. Ich blinzle irritiert, obwohl mir die drei blauen Steinchen nicht fremd sind. Bei seinen Besuchen hatte Sandy die Haare immer zusammengebunden getragen. Umso mehr wirkt nun alles so ungewohnt feminin an ihm. So anders. So… ich will nicht falsch sagen, aber wenn man jahrelang einen Bruder hatte, ist es seltsam plötzlich eine Schwester zu haben.
“Und - du läufst so auch in der Schule herum?”, frage ich unverblümt, doch statt eingeschnappt zu sein, grinst Sandy nur. “Klar, ich habe mich eigentlich nur für dich verstellt. Das ist…”, er zeigt mit seinen Händen auf sich selbst, “das, was ich normalerweise trage. Und wie ich herumlaufe. Worin ich mich halt am Wohlsten fühle. Das bin ich.”
“Und wie lange trägst du schon sowas?”, hake ich nach und versuche dabei nicht abfällig, sondern aufrichtig interessiert zu klingen, was mir zugegebenermaßen nur minder gelingt.
“Lass mich überlegen”, Sandy läuft zu meinem Bücherregal, zieht ein Exemplar von Agatha Christi heraus und inspiziert nachdenklich den Einband. Ich beobachte ihn und komme nicht Drumherum, seine glatt rasierten Beine anzuglotzen. Nicht, dass ich ihn jemals zuvor mit haarigen Beinen gesehen hätte, schließlich war er erst acht Jahre alt, als ich eingewiesen worden bin, bei den Besuchen hatte er stets Hosen getragen und jetzt ist er so alt wie ich damals.
“Seit ungefähr vier Jahren, glaube ich?”, meint Sandy und legt das Buch zurück ins Regal. “Soll ich dir mit dem Auspacken helfen?”, er deutet mit seiner Hand auf meinen Koffer. Ich schüttle mit dem Kopf. “Bekomme ich gerade noch so hin. Ich bin zwar verrückt, aber nicht schwerstbehindert.”