Nero, der Alpha - 6

Nero, der Alpha 19. Jan. 2022

Tuga und Ignar erwarten uns bereits im Hauptraum. Der Raum, in dem der Zwinger steht. Rundum den Zwinger sind nur kahle, rissige Wände. Neben der Tür, die Tür mit der Nummer 16, stehen drei Wassernäpfe und ein bisschen versetzt davon Matratzen, die ihre besten Zeiten schon hinter sich haben. Sie sind mit Flecken übersät sind und an einigen Stellen weisen sie Löcher auf. Der Hauptraum muss nicht schön aussehen, nur abschreckend und genau das tut er. Kaum betritt man Neros Tür wird einem schlagartig bewusst, dass der Mann, der hier wohnt und arbeitet, keinen Wert auf Gastfreundschaft legt und ihm absolut alles egal ist. Der Raum unterstreicht seinen gnadenlosen Charakter. Ich weiß, dass Nero hinter den Duschräumen noch ein eigenes Zimmer hat. Er schläft darin und seine Hunde ebenfalls. Ich weiß aber nicht, wie es darin aussieht. Bisher hat er nie eine Frau in sein Zimmer mitgenommen. Ich hatte auch schon den Gedanken, dass er so wenig Interesse an uns Frauen zeigt, weil er mit seiner Hündin ein sexuelles Verhältnis pflegen könnte. Es klingt bizarr, so etwas überhaupt als Verhältnis zu bezeichnen. Er ist ein Mensch und Drae ein Tier und das wäre mehr falsch. Außerdem will ich mir gar nicht ausmalen, wie ein Mann mit seiner Statur mit einer Hündin verkehren könnte. Trotzdem wäre es naheliegend, dass er sexuelle Handlungen mit ihr vollziehen könnte, da er seine Rüden darauf abrichtet, sich an Frauen zu vergehen. Vielleicht erregt ihn das, auch wenn er es sich zu keinem Zeitpunkt anmerken lässt.

Nero öffnet die Tür des Zwingers und ich füge mich und lasse mich darin einsperren. Der Zwinger ist leer. Keine Matratze, nicht einmal eine Decke. Es gibt auch keinen Stuhl oder irgendetwas anderes, worauf man sich setzen könnte. Außer ein Eimer, der für anderes gedacht ist. Es gibt nichts in dem Zwinger, mit dem man sich die Zeit vertreiben könnte. Rein gar nichts. Ich setze mich auf den Boden und als Kyr ebenfalls in den Zwinger kommen will, hält ihn Nero mit einem Pfiff davon ab. Der Hund bleibt vor der Tür stehen und begibt sich in Position. Ich atme erleichtert aus, froh darüber nicht mit dem Hund eingesperrt zu sein, von dem ich weiß, dass Nero ihn mit purer Absicht und um mich zu foltern auf meinen ‘Geschmack’ gebracht hat.

„Erika, ich will, dass du weißt, dass ich dich in 17 Tagen durch diese Tür gehen lassen werde.“ Nero deutet mit seinem Kinn Richtung Tür. „Nur weil andere sich nicht an die Regeln halten, heißt das nicht, dass ich das auch so handhabe. Du verlässt in 17 Tagen wohlbehalten diese Tür, solange du gehorsam bist. Zwing mich nicht dazu, mein Versprechen dir gegenüber zu brechen.“

Er würdigt mich keines weiteren Blickes, schließt die Zwingertür und verlässt zusammen mit Tuga und Ignar den Raum. Als ich mit Kyr alleine bin, kugel ich mich im Käfig zusammen und fange an zu weinen. Das hat er doch nicht grundlos zu mir gesagt. Entweder ahnt Nero, was Johanna vor hat, er könnte unser Gespräch heimlich belauscht haben, oder Hunde können doch irgendwie petzen. Und wenn meine 17 Tage um sind und ich hier rauskomme, kann ich Johanna wirklich zurücklassen und weiterleben mit dem Gedanken, dass sie diesen Ort niemals wieder lebendig verlassen wird?

„Sie braucht ein warmes Bett, etwas zum Anziehen, mindestens drei Mahlzeiten am Tag und genug Wasser. Achja und Vitamine. Ich stelle dir ein Rezept aus. Wichtig ist, dass du gut auf sie achtest. Sollte sich ihr Zustand nicht verbessern, ruf mich an. Bisschen Bewegung und frische Luft könnten auch nicht schaden.“ Die Stimme der Ärztin dringt an mein Ohr und weckt mich aus meinem Schlaf. Ich habe nicht einmal bemerkt, dass ich eingeschlafen bin und obwohl ich seit 23 Tagen hier bin, schaue ich immer noch aus Reflex auf mein Handgelenk, an dem ich jahrelang eine Armbanduhr getragen habe, um die Zeit zu überprüfen. Nur dass da keine Uhr mehr ist und ich auch sonst keine Möglichkeit besitze, herauszufinden wie spät es ist. Eigentlich merkt man erst wie wichtig Zeit ist, wenn sie einem genommen wird. Man braucht Zeit, um sich zu orientieren und um sich zu organisieren. Fehlt dieses Medium, fühlt sich alles, was man tut, so irrelevant und endlos an. Die einzige Orientierung, die ich habe, ist diese, dass sich Nero in regelmäßigen Abständen - zumindest glaube ich, dass die Abstände regelmäßig sind, eine Spritze setzt. Ich weiß nicht genau, was er sich spritzt. Anfangs dachte ich, er ist ein Junkie, aber da ihn die Spritzen in keinster Weise beeinträchtigen, kam mir der Gedanke, dass es eventuell Insulin sein könnte, was er sich spritzt. Da ich leider keine Ahnung habe, ob man sich Insulin wirklich regelmäßig spritzen muss und auch keine Möglichkeit habe, es hier drin nachschlagen, klammere ich mich einfach daran fest, dass es so sein muss. Und ich vertraue darauf, dass Nero die Tage für mich zählt, ich habe sowieso absolut keine Chance zu überprüfen, wie viele Tage ich wirklich schon hier drin bin. Aber die Zahl minimiert sich und das ist alles, was für mich zählt. War es zumindest bis heute.

Die Ärztin kommt an meinem Zwinger vorbei und anders als Nero, sieht sie mich kurz an und lächelt. Es ist ein freundliches und mitfühlendes Lächeln und irgendwie schwingt auch ein bisschen Traurigkeit darin mit.
„Kann ich morgen mit einem Anruf von dir rechnen?“, erkundigt sich die Frau und dreht sich vor der Tür nochmal zu Nero herum, dessen Mimik so zugefroren ist, wie ein von einer Lawine überschüttetes Haus.
„Ich kümmere mich um das Problem“, ist Neros träge Antwort auf die Frage. Die Frau zuckt merklich zusammen und mir ergeht es gleich. Dann wirft die Frau mir nochmals einen letzten Blick zu und verlässt schweren Herzens Tür Nummer 16. Im ersten Augenblick beneide ich sie darum, dass sie einfach so gehen kann und dann wird mir wieder schlagartig bewusst, dass ich freiwillig hier bin und Nero mir versprochen hat, dass ich, sobald die Tage abgelaufen sind, ebenfalls gehen kann.

Neros Hand verschwindet in einer der unzähligen Hosentaschen seiner Arbeitshose und als er ein Handy hervorholt, halte ich die Luft an. Wird er sich jetzt um das ‚Problem‘ kümmern? Lässt er jemanden herkommen, der Johanna umbringen wird? Vielleicht will er es nicht selbst tun, weil Drae nachtragend sein könnte. Können Hunde überhaupt nachtragend sein?
„Du wirst mithören“, befiehlt er und obwohl er mich nicht ansieht, weiß ich, dass er mich damit meint. Erst nicke ich, aber da er sich nicht zu mir umdrehen wird, bestätige ich ihm seine Forderung mit einem „Ja“, das sich ziemlich krächzig anhört. Meine Lippen sind trocken, mein Mund auch. Es ist gefühlt eine Ewigkeit her, seit ich zuletzt etwas getrunken habe und plötzlich wird mir bewusst, wie durstig ich bin.
Nero tätigt einen Anruf und schaltet sein Handy auf Lautsprecher. Das übliche Verbindungsgeräusch ist zu hören. Tut, tut, dann meldet sich nach dem dritten Mal Klingeln eine Männerstimme.
„Gibt es Probleme?“ Die Stimme klingt rau und tief. Sie hat einen Akzent, aber ich kann ihn nicht zuordnen.
„Tür 27, wie viele Tage hat sie übrig?“ Neros Frage verwundert mich. Ich bin davon ausgegangen, dass Johannas Tage längst abgelaufen sind und sie ihr Meister einfach gegen ihren Willen behalten hat.
„Ist sie jetzt bei dir?“, meldet sich die Stimme. Der Mann in der anderen Leitung klingt amüsiert.
„Wie viele Tage?“, wiederholt Nero etwas energischer.
„Lass mich einmal sehen…..“, Ich höre das Tippen einer Tastatur, gefolgt von ein paar Mausklicks. „Tja, schwierig. Gekauft hat er sie für 30 Tage und das war vor zwei Monaten. Brauchst du mehr Infos?“
„Sie ist schwanger.“ Nun dreht sich Nero doch zu mir um. Wie immer lässt seine Mimik absolut nichts durchsickern.
„Er hat ihr eine Kupferspirale verpasst, andererseits habe ich hier auch ein Ultraschall Foto vorliegen. Sachen gibt’s. Die gibt es nicht“, der Mann am Telefon lacht. Nero kommt mit langsamen Schritten auf mich zu und mit jedem Schritt treibt er meinen Puls in die Höhe. „Und wie hat sie es geschafft 27 niederzustrecken?“ Er bleibt vor meinem Zwinger stehen und fährt mit einer Hand an einem Gitterstab entlang.
„Ich habe das Video gerade vor mir. Soll ich es dir zukommen lassen? Wow. WOW.“ Das Lachen des Mannes verstummt schlagartig. „Die Schlampe ist echt heimtückisch. Behältst du sie oder machst du sie kalt?“
„Kannst du heute eine Liveshow für mich einplanen?“ Neros Mundwinkel zucken, als ich beim Wort Liveshow einen erschreckten Laut von mir gebe. Wieder eine Reaktion in seinem Gesicht und obwohl die Angst auf meiner Schulter sitzt, frage ich mich, wie der Mann aussehen würde, wenn er wirklich einmal aufrichtig lachen sollte. Was er garantiert niemals tun würde, trotzdem macht sich in mir aus einem unerklärlichen Grund der Wunsch breit, es nur ein einziges Mal erleben und sehen zu wollen. Ein Nero, der lacht.
„Lässt sich einrichten, was hast du geplant?“, schaltet sich die Stimme ein und unterbricht meine Gedanken.
„Sie hat einen von uns angegriffen und wenn ich mich recht entsinne die Konsequenzen dafür noch nicht erhalten.“ Das pure Böse schwingt in seiner Aussage mit und die Bedeutung davon wird mir mit einem Schlag bewusst. Er will Johanna bestrafen und da er an sie nicht herankommt, werde ich die volle Härte der Konsequenzen für ihr Vergehen zu spüren bekommen. Ich rutsche hektisch mit meinem nackten Hinterteil über den Boden auf die andere Seite des Zwingers, weg von Nero, obwohl ich weiß, dass ich ihm eh nicht entkommen kann. Die Erkenntnis, dass ich keine Chance habe den Konsequenzen zu entfliehen, treibt mir die Tränen in die Augen und verschleiert mir die Sicht. Kyrs lautes Hecheln kitzelt in meinem Ohr, als der Hund seine Schnauze gegen die Gitterstäbe drückt und seine widerliche Zunge mich an der Schulter streift. Ich schrecke auf und krabble auf allen Vieren von der Bestie weg. In der Mitte des Zwingers fühle ich mich wie auf dem Serviertablett. Gefangen zwischen einem grausamen Menschen und seinem bestialischem Werkzeug.

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