Nero, der Alpha - 15

Nero, der Alpha 19. Jan. 2022

“Du schaffst das, halte dich einfach an unseren Plan!” Johanna legt mir eine Hand auf die Schulter und sieht mich mitfühlend an. Einfach an den Plan halten. Ich muss mich einfach an den Plan halten. Kyr, Farg und Zor flitzen an der Tür vorbei und dann vernehme ich Stimmen aus dem Hauptraum. Es sind Drei. Die von Nero, die vom Mittelsmann und eine dritte mir unbekannte Stimme. Die vom Freier. Ich kann nicht ganz genau verstehen, was die Männer miteinander reden, aber ich kann mir ausmalen, dass es um mich geht. Ich ziehe meine Knie enger an mich heran und obwohl ich den Freier noch gar nicht gesehen habe, weiss ich, dass ich nicht mit ihm schlafen will. Unter gar keinen Umständen. Erst jetzt wird mir wirklich bewusst, dass ich mich niemals hätte freiwillig prostituieren können, auch wenn ich anfangs gedacht habe, ich könnte es. Es widerstrebt mir, fremde Männer an mich heran zu lassen. Allein der Gedanke daran ekelt mich an und ich frage mich, wieso ich überhaupt jemals auf so eine blöde Idee gekommen bin mich an das Etablissement zu wenden. “Schnelles Geld”, antwortet eine Stimme in meinen Gedanken und ich sehe das müde und kaputte Gesicht von meiner Mutter aufblitzen. Mama. Nur wegen ihr, bin ich hier. Ich habe den Junkie-Freund meiner Mutter zwar gebeten meiner Mama nichts hiervon zu erzählen, aber gerade in diesem Augenblick wünsche ich mir, sie wüsste, in welche Arme ihr Konsum mich getrieben hat. Vielleicht würde sie es motivieren mit den Drogen endlich aufzuhören oder viel schlimmer, es würde sie gänzlich zerstören und das könnte ich nicht verkraften. Schuld. Schuld ist einer von vielen Antrieben sich selbst zu schaden und nachdem Papa weg war, gab es viel zu viel Schuld, von der Mama dachte, sie müsste sie alleine auf ihren Schultern tragen. Wir hätten sie zusammen tragen können. Wir hätten uns gemeinsam stützen können. Mama. Warum haben wir die Schuld nicht unter uns aufgeteilt? Und warum müssen wir uns jetzt beide dafür kaputt machen lassen?

“Erika, komm her.”
Neros eiskalte Stimme katapultiert mich aus meinen Gedanken zurück in die ebenso eiskalte Realität. Der Boden der Tatsachen. Hier bin ich, hier komme ich nicht weg. Auf nackten Sohlen schreite ich zu Nero zu und irgendwie schaffe ich es nicht, meine Arme dabei locker Baumeln zu lassen. Nein, ich schlinge sie um mich, um möglichst viel von mir zu verbergen. Nero weiss, wie mein Körper aussieht. Er hat so gut wie alles von mir gesehen und es ist lächerlich, jetzt so zu tun, als wäre irgendetwas an mir noch privat oder tabu für ihn, aber vor einem Freier, einem mir völlig fremden Mann, will ich nicht völlig entblösst stehen. Als ich vor ihm zum Stillstand komme, blicke ich zu ihm hoch, in dem peinlichen Versuch, eine Regung in seiner versteinerten Mimik vorzufinden. Aber da ist nichts, ausser eiskalter, emotionsloser Frost.
“Zieh das an”, fordert mich der Alpha auf und streckt mir etwas Pinkes entgegen. Überrascht nehme ich das Bündel Kleidung an mich und falte es auf. Viel ist es nicht. Ein hauchdünnes und beinahe durchsichtiges Höschen mit Spitze und der dazu passende BH. Nero scheint mir meine Verwunderung anzumerken, denn er fügt hinzu: “Ein Geschenk von deinem Freier, nicht von mir.”
Ich werfe einen Blick über meine Schulter zu Johanna, die sich an Drae klammert und Nero und mich mit Adleraugen beobachtet. Irgendwie komme ich mir nun ein bisschen vor wie ein Studienobjekt und fühle mich gänzlich unwohl in dieser Rolle. Mein Fokus schwenkt zurück auf die Reizwäsche in meiner Hand. Allein die Vorstellung, dass der widerliche Mann, der sich gleich an mir vergehen will, mir dieses Geschenk mitgebracht hat, nur um sich noch mehr an mir aufzugeilen, ekelt mich an. Ich will absolut nichts, was er mir gibt, an meinem Körper tragen. Trotzdem füge ich mich und ziehe das Höschen sowie den BH an. Höschen wie BH sind mir deutlich eine Nummer zu groß und stinken nach abgestandenem Rauch, was nicht dazu beiträgt, dass ich mich darin auch nur ansatzweise sexy fühle. Wieder mache ich den Fehler und schaue Nero in die eisblauen Augen. Ein Frösteln überkommt mich.
“Komm mit.”
Nero packt mich am Handgelenk und zieht mich hinter sich her, als wollte er verhindern, dass ich überhaupt auch nur auf die Idee komme, mich ihm zu widersetzen. Sein Gang ist so schnell, dass ich mühe habe, mit ihm Schritt zu halten. Statt Richtung Hauptraum, schleift mich Nero ins weisse Zimmer, das nun ganz anders aussieht, als beim letzten Mal. Die Spiegel sind zwar immer noch an den Wänden, aber auf dem Boden liegt ein hellblauer, riesiger Fransenteppich und das Licht ist anders und wirkt kühler als vorher. Mitten im Raum ist ein klobiges Doppelbett aufgestellt. Wann hat er denn das aufgebaut?! Das Bett ist sogar mit weisser Satin-Bettwäsche überzogen und sieht aus. als hätte man es so, wie es da steht, direkt aus der IKEA geklaut. Ich ertappe mich dabei, wie ich für eine Millisekunde einen sehnsüchtigen Blick auf die beiden Kissen und die Bettdecke werfe. Es ist schon solange her, seit ich das letzte Mal in einem richtigen Bett geschlafen habe.
Ein Pfiff und Kyr sowie Farg tauchen hinter mir auf und auch Tuga trottet herbei. Lediglich Zor fehlt und natürlich Ignar und Drae. Die Hunde stellen sich im Dreieck um das Bett herum auf und dann verlässt Nero den Raum und lässt mich wie bestellt und nicht abgeholt einfach im Zimmer stehen. Und jetzt? Drei Hunde-Augenpaare starren mich an. Ich starre zurück. Soll ich mich etwa ins Bett legen? Vorsichtig mache ich einen Schritt nach vorne und werde sogleich von Farg zurechtgewiesen. Der Hund beginnt zu knurren und Kyr tut es ihm gleich. Nur Tuga verweilt in der Wachstellung und beobachtet mich aufmerksam. Ich weiss nicht, ob ich mir das nur einbilde, aber es scheint so, als würde Tuga mich nun anders wahrnehmen, als die restlichen Rüden. Als hätte ich nun etwas gut bei ihm, weil ich Ignar geholfen habe, was absurd ist. Kann ein Tier sowas überhaupt verstehen?
Schritte nähern sich und je näher sie kommen, desto nervöser werde ich. Einfach an den Plan halten, Rika. Du musst Johanna vertrauen. Denk an den Plan!
Ich drehe mich zur Tür um und als ich Nero zusammen mit dem Freier erblicke, kämpfe ich gegen den Impuls an wegzurennen. Bei dem Freier handelt es sich um einen Mann in den Vierzigern. Er ist wesentlich kleiner als Nero und kaum größer als ich. Anders als erwartet, obwohl ich nicht weiss, was genau ich erwartet habe, ist der Mann ziemlich gut gebaut. Seine Statur macht zumindest den Anschein, als würde der Mann seine Freizeit ausschließlich in der Mucki-Bude verbringen oder als würde es sich jeden Morgen zum Frühstück mindestens einen Anabolika-Smoothie rein pfeffern. Die aufgepumpten Muskeln bilden sich klar und deutlich unter dem engen und weissen Muscle-Shirt ab und auch die schwarze Adidas-Hose spannt sich um die durchtrainierten Beine. Passend zum strengen Erscheinungsbild ist der Kopf kahlgeschoren und glänzt, als hätte man die Glatze frisch mit Öl eingerieben. Die große Nase, die schmalen Lippen sowie Augen so schwarz wie Teer verleihen dem fies wirkenden Gesicht zusätzlich einen Vladimir Klitschko Charakter. Allgemein wirkt der Freier irgendwie wie ein Boxer. Ein etwas zu klein geratener Boxer. Normalerweise bin ich nicht voreingenommen, aber dieser Kerl ist mir auf Anhieb total unsympathisch. Erstens, weil er dafür bezahlt, um mit mir zu schlafen und zweitens, weil er mich ansieht, als wäre ich nur ein Stück Fleisch, auf dem er liebend gerne lang und ausgiebig herumkauen möchte. Sein Blick ist stechend und lüstern und das schiefe, böse Lächeln dazu verpasst mir eine unangenehme Gänsehaut. Natürlich hätte es auch wesentlich schlimmer kommen können. Nero hätte mir zum Beispiel auch jemand Ungepflegtes oder viel Älteres vorsetzen können. Oder einer, der innen sowie außen absolut entstellt und abscheulich ist.
“Sieht süß aus an der Kleinen”, kommentiert der Boxer-Verschnitt meine Aufmachung und leckt sich einmal genüsslich über die Oberlippe als wäre ich wirklich ein Steak. “Doch, sie gefällt mir, wirklich ein hübsches Mädchen”, ergänzt er und richtet seine Aufmerksamkeit wieder auf Nero. “Und in den Arsch ficken ist wirklich tabu?” Ein enttäuschter Tonfall, schwingt in seiner Stimme mit. Prompt muss ich an das Formular denken, dass ich an meinem ersten Tag hier ausgefüllt habe und nun rettet mir die Spalte ‘Grenzen und Tabus’, in der ich, blöd und naiv wie ich war, lediglich den Begriff ‘Anal’ und sonst nichts, eingetragen habe, wortwörtlich den Arsch. Gott, wie makaber.

“Anal ist tabu”, bestätigt Nero, der zu meinem Glück tatsächlich Rücksicht auf das nimmt, was ich dort vermerkt habe. Wenn das so ist, hätte ich blöde Kuh so viel mehr in diese Spalte schreiben sollen, aber zu meiner Verteidigung wusste ich es zu dem Zeitpunkt einfach nicht besser.
“Und nur mit Gummi?”, erkundigt sich der Mann und ist wenig begeistert, als Nero als Antwort eine handvoll Kondome aus seiner Jogginghose hervor holt. “Scheisse, ich hasse die Dinger”, flucht der Boxer frustriert, aber Nero bleibt wie so oft völlig unberührt und kühl. Er wirkt beinahe so, als wäre er sogar ein kleines bisschen genervt von dem kleinen Muskelpaket neben ihm. “Na gut, dann eben so”, akzeptiert der Mann und die Kondome wechseln den Eigentümer, dann widmet sich der Boxer mir und stellt sich vor. “Na, du Süße, ich bin Wilhelm, aber kannst mich Will nennen oder Willy nennen. Musst auch gar keine Angst haben, ich bin ganz ein Netter. Wir beide werden viel Spass miteinander haben.” Will oder Willy lächelt mich an und ich hätte am liebsten sein blödes, pinkes Geschenk von meinem Körper gerissen und drauf gekotzt. Der Mann ekelt mich an, so richtig an. In diesem Moment wird mir klar, dass ich, hätte ich die Wahl, mich lieber von Kyr quälen lassen wollen würde, als Will oder Willy auf irgendeine Art und Weise nahe zu kommen. Und der Gedanke erschreckt mich. Er erschreckt mich sogar so sehr, dass ich anfange mich selbst zu hinterfragen.
“Ihr Name steht auf dem Halsband”, hilft Nero dem Freier auf die Sprünge, da ich keine Anstalten mache, mich selbst namentlich vorzustellen. Der Mann geht ein paar Schritte auf mich zu und betrachtet mich aus der Nähe. Als er sich zu meinem Halsband hinunter beugt, nehme ich seinen beißenden Geruch wahr. Er stinkt nach einem ekelhaften Aftershave und Tabak und sein warmer Atmen so nah an meinem Hals, verstärkt den Brechreiz in mir umso mehr.
“Erika, also. Echt niedlich. Hör zu, Erika, wenn du dich gut anstellst, gibts danach auch ein fettes Trinkgeld.” Der Mann gibt mir unerwartet einen Klaps auf den Po und als ich daraufhin überrascht aufquieke, fängt er an zu lachen, weicht einen Schritt zurück und betrachtet meinen Körper nochmal im Ganzen. Meine Augen werden wässrig und ich spüre, wie die Tränen aus mir raus wollen. Aber ich will vor diesem Mann nicht weinen. Ich muss stark sein. An den Plan denken. Rika. An den Plan denken.
“Du gibst ja echt süße Geräusche von dir. Ich hoffe, in deinen süssen kleinen Mund passt auch ordentlich etwas rein.“ Will’s Mundwinkel wandern eine Etage höher und zeichnen Falten in sein markantes Gesicht.
“Die Kamera in der Ecke links oben ist aktiv”, Nero zeigt mit seiner Hand auf die kleine Kamera links oben in der Ecke. Ein rotes Licht blinkt dort auf.
“Alles roger”, erwidert Will und befördert einen Daumen in die Höhe. Momentmal. Ist das Live? Oder wird es aufgezeichnet? Will der Widerling etwa ein Video davon, wie er mich missbraucht, damit er es sich immer wieder ansehen kann? Ich traue mich nicht zu fragen, also bleibe ich still und warte ab. Warte auf die passende Gelegenheit, um zur Waffe zu werden. Um Nero auf die Probe zu stellen. Den Plan, Rika. Du schaffst das.
“Erika, du wirst tun, was er von dir fordert und gehorsam sein.” Neros eisblaue Augen funkeln mich an, fast so, als würde er bereits ahnen, dass Johanna und ich etwas im Schilde führen. Und als seine Hand in der zweiten Tasche seiner Jogginghose verschwindet, bleibt mein Herz für eine Sekunde stehen. Doch zu meiner Überraschung holt Nero lediglich eine alte Taschenuhr aus seiner Hose und wirft einen Blick auf das Ziffernblatt.
“Sie gehört, wie vereinbart, zwei Stunden dir, Wilhelm.” Nero schiebt die Uhr zurück an ihren Ursprungsort und ist im Begriff zu gehen. Prompt drängt sich Will in mein Sichtfeld. Sein widerliches Grinsen ist so breit, dass mir der goldene Eckzahn in seinem Mund auffällt. “Dann legen wir mal los, Kleine”, der Mann packt mich grob am Handgelenk und will mich Richtung Bett ziehen. Jetzt Rika. Jetzt. Jetzt oder nie. Ich lege meine freie Hand auf die des Widerlings und bemühe mich um einen einigermassen koketten Augenaufschlag, der mir garantiert nur minder gelingt, aber es reicht, um die Aufmerksamkeit des Mannes auf mich zu ziehen und ihn innehalten zu lassen.
“Der Meister muss mich zuerst vorbereiten”, sage ich mit etwas holpriger Stimme. Solche Worte aus meinem Mund zu hören, fühlt sich seltsam an. Seltsam und ungewohnt. So etwas würde ich sonst niemals sagen, aber der Plan verlangt sowas von mir ab. Überrasche Nero, mit etwas, womit er nicht rechnet und auch der Mann vor mir wirkt mehr als nur irritiert.
“Was hast du gesagt?”, erkundigt er sich, so als wollte er sichergehen, dass er sich nicht verhört hat.
“Der Meister muss mich vorbereiten”, wiederhole ich, diesmal minimal selbstsicherer. Ich blicke an Will vorbei zu Nero, der in der Türspalte stehengeblieben ist und in meine Richtung sieht. Unsere Blicke treffen sich, In seinen eiskalten Augen lodert eine Emotion auf, die ich nicht richtig deuten kann. Aber das ist egal. Ich muss es jetzt durchziehen. Ich ziehe die Schultern nach hinten, biege meinen Rücken durch und hebe selbstbewusst das Kinn an. Will dreht sich fragend und hilfesuchend zu Nero um. “Wie zum Teufel meint sie das?”
Bevor Nero irgendetwas darauf erwidern kann, schlängle ich mich an Will vorbei und gehe mutig auf den Alpha zu. Pures Adrenalin schießt durch meine Nervenbahnen und mein Herz klopft so fest in der Brust, dass es mich nicht wundern würde, wenn es plötzlich aus mir rausspringt und auf dem Boden herum zappelt wie ein Fisch, den man an Land gezogen hat.

Ein Schritt auf Nero zu und ein Schritt von Will weg. Je näher ich dem Alpha komme, umso wütender und angespannter wird er. Ja. Das, was in seinem eisigen Gesicht aufflackert, ist grenzenlose Wut. Ein weiteres Mal stelle ich ihn bloss. Ein weiteres Mal wage ich es, mich gegen ihn zu stellen und als er die Hand hebt und mit sich zu ringen scheint, ob die Hunde auf mich hetzen soll, fürchte ich schon, dass Johannas Plan nicht aufgehen wird. Doch ich täusche mich. Der Alpha lässt die Hand wieder sinken und als ich vor ihm stehe, fällt das letzte bisschen Selbstbeherrschung von ihm. Er knurrt. Er knurrt mich tatsächlich an. In seiner sonst so emotionslosen Mimik spiegelt sich grenzenloser Hass wider. Es kostet mich alles an Überwindung, meine Schulter sowie mein Kinn oben zu lassen und mich vor ihm zu behaupten. Am liebsten würde ich mich auf den Boden legen und mich wie ein Fötus zusammenrollen und um Vergebung bitten. Stattdessen strecke meine Hand nach Neros aus und schaue ihm tief in die eisblauen Augen.
“Sieht ganz so aus, als hättest du den Verstand verloren”, zischt Nero und schlägt meine Hand sogleich mit seiner weg. Autsch. So stand das nicht in Johannas Drehbuch. Eigentlich hätte er…
“Den Verstand verloren?”, echoed Will dazwischen und ich bin mir sicher, dass in seinem kahlrasierten Schädel tausend Fragezeichen aufploppen. „Gibt’s ein Problem? Ich kann Probleme nämlich so gar nicht ab, weisst du?“

„Haben wir ein Problem, Erika?“ Nero passt seine Haltung meiner an. Spiegelt sie. Nun überragt er mich noch mehr als ohnehin. Der weit geschnittene Pullover rutscht ihm dabei etwas über die rechte Schulter und entblößt mehr Haut als üblich und als wäre das nicht schon genug, um mich schwach werden zu lassen, steigt mir auch noch Neros Geruch in die Nase. Animalisch und herb. Der Mann strahlt so viel Dominanz und Stärke aus, dass meine Knie nicht anders können als weich wie Pudding zu werden. Und der Alpha bemerkt es. Er bemerkt zum ersten Mal, ohne das Kyr jaulen muss, was für einen Effekt er wirklich auf mich hat, denn seine angespannten Lippen öffnen sich einen winzig kleinen Spalt. Auch in seinem bitterbösen Gesicht verändert sich etwas. Seine angespannten Züge entspannen sich leicht und dann.. wird er plötzlich rot. Jetzt, Rika. Jetzt. Verdammt. Ich höre die Johanna in mir Brüllen. Sie reißt das Steuer an sich. Bringt mich dazu, nochmal nach Neros Hand zu greifen, und bevor er sie mir wieder entwenden kann, schiebe ich sie blitzschnell in das billige und widerliche Höschen, dass mir Will geschenkt hat und halte sie so fest, als würde mein Leben davon abhängen.

„Bereite mich vor“, hauche ich leise und trotz der misslichen Lage, in der ich mich befinde, ziemlich erregt, auch wenn ich mich dafür verteufeln könnte. Was ist nur los mit dir, Rika? Kapierst du nicht, dass das alles hier falsch ist und du nicht auf diesen Mann so reagieren solltest? Neros Finger sind rau und warm zwischen meinen Beinen und führen dazu, dass ich innert kürzester Zeit feucht werde und sich mein Körper völlig gegen mich und einen gesunden Menschenverstand verschwört. Der Mann vor mir ist wie erstarrt. Ich schaue zu ihm hoch und er erwidert zaghaft meinen Blick. Die Eiseskälte ist wie verschwunden und stattdessen sehe ich endlich Feuer in diesen hellen Augen aufflackern. Ein verdammtes Inferno an Gefühlen tobt in diesem Eisblau. Doch der Moment ist so schnell vorbei, wie herbei erzwungen worden ist. Will taucht neben uns auf und das ist alles, was Nero braucht, um sich zu fangen und das Eisschild wieder hochzuziehen. Ruppig entreißt er mir seine Hand und weicht so schnell und ruckhaft zurück, als wäre ich eine tödliche Krankheit, vor der man sich in Acht nehmen muss.

„Und?“, erkundigt sich Will in einem fragenden Tonfall, dessen Augen wie beim Pingpong zwischen Nero und mir hin und her hüpfen.

„Sie ist bereit“, entgegnet Nero schroff und fügt nach einer kurzen Atempause ein „Für dich“ hinzu. Er hätte mir genauso gut auch ins Gesicht schlagen können. Das hätte ich vermutlich sogar noch besser weggesteckt, als diese fiese Randbemerkung.

„Und was war das gerade eben zwischen euch beiden?“, hakt Will sichtlich neugierig nach und macht die Sache nur umso schlimmer. Auf Neros Lippen schleicht sich ein grimmiges Lächeln. „Ein Armutszeugnis“, erwidert er und sieht mich dabei finster an. „Sie hat zu viele Flausen im Kopf.“ Nero widmet sich wieder Will. „Aber ich denke, du wirst deinen Spaß mit ihr haben.“ Mit diesen Worten verlässt der Alpha das weiße Zimmer und lässt mich allein mit Will zurück. Ich will ihm nachrennen und ihn anbrüllen, doch ich bin wie festgefroren. Ich kann immer noch seine warme Finger an meiner intimsten Stelle spüren. Das Kribbeln, dass sie ausgelöst haben und auch jetzt kribbelt es sonderbarerweise noch, während mein Herz vor Schmerz aufheult und bereits aufgegeben hat. Kapier es endlich, Rika. Neros Finger sind das einzige Warme an diesem Mann. Der Rest von ihm ist und bleibt eiskalt. Der Plan hat nicht funktioniert. Ganz und gar nicht funktioniert. Johanna hat Nero völlig falsch eingeschätzt. Ja. Für einen Sekundenbruchteil hat der Alpha durch meine Aktion mit seiner Hand in meinem Höschen die Kontrolle verloren. Das hat er. Aber es hat nicht ausgereicht, um mich vor Will zu retten. Weil Johanna eine klitzekleine Kleinigkeit nicht einkalkuliert hat und zwar den verheerenden Fakt, dass Nero mich ganz einfach nicht will und ich ihm komplett egal bin. Das hat er ganz eindeutig demonstriert. Und eigentlich hätte ich es besser wissen sollen.

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