Nero, der Alpha - 14

Nero, der Alpha 19. Jan. 2022

„Was?“ Ich merke, wie meine Wangen rot anlaufen.

„Ja, wieso nicht? Komm schon, das schaffst du doch locker. Ich meine, sieh dich an! Du bist wunderschön und hallo? Er hat dich die Aktion vorhin einfach durchgehen lassen. Ich bin mir sicher, du hast den im Handumdrehen um den Finger gewickelt. Wahrscheinlich müsstest du dich von ihm ficken lassen, aber wenn du die Augen zumachst und an Irgendetwas anderes denkst, geht das schon irgendwie und anders kommen wir hier nicht raus.“

‚Den Spruch hast du doch schon einmal gehört, Rika‘, triezt mich eine Stimme in meinem Kopf. Und Johanna liegt nicht ganz richtig. Ich komme hier sowieso raus, sobald meine Tage abgelaufen sind, sofern der Vertrag noch gültig ist. Nur sie und vielleicht die Frauen im roten Zimmer bleiben hier eingesperrt. Aber es wäre egoistisch von mir sie einfach zurückzulassen. Das könnte ich nicht. Das würde ich mir nie verzeihen. Andererseits hat Nero mir deutlich gemacht, dass er absolut kein Interesse an mir hat und auch, dass er mit keiner anderen Frau schlafen will. ‚Die er nicht liebt‘, ergänzt die Stimme in meinem Kopf, als hätte ich dieses winzig kleine Detail vergessen. Habe ich nicht. Trotzdem.

„Warum hast du das bei Fynn nicht versucht?“, lenke ich schnell von mir ab und schiebe Johanna den schwarzen Peter zurück. Sie blickt mich zermürbt an. „Ich habe es versucht. Aber ich war immer nur zweite Wahl. Zumindest glaube ich das. Er….“ Johanna zögert und sticht nachdenklich mit ihrer Gabel auf einer Scheibe Brot herum. „Spielt keine Rolle”, sagt sie schlussendlich und schüttelt mit dem Kopf. „Er hat bekommen, was er verdient hat und wenn wir mal ehrlich sind, sollten wir das ganze Etablissement in Schutt und Asche verwandeln“, schnaubt sie und sticht noch ein paar mal mehr mit der Gabel in das unschuldige Stück Brot.

„Vielleicht haben wir beide das Stockholmsyndrom“, murmle ich und kraule Tuga gedankenverloren am Ohr. Der Hund schließt die Augen und hechelt leise. Nicht so laut und penetrant wie Kyr, nur ganz dezent.

„Stockholmsyndrom?“, erwidert Johanna empört. „Nenn es lieber Überlebensinstinkt. Friss oder stirb. Stirb langsam. Nur ohne Bruce Willis. Mit Bruce an unserer Seite würden wir gar nicht hier festsitzen.“

„Ich bin nur hier, weil ich ganz schnell an ganz viel Geld kommen musste“, sage ich kleinlaut und ziehe die Knie an meinen Körper. Johanna verzieht das Gesicht. „Bist du etwa drauf? Also, auf Drogen? Hast du Stoff gebraucht?“

Ich schüttle mit dem Kopf. „Meine Mama war drauf und den Entzug hätte sie niemals durchgestanden ohne einen Platz in einer Klinik. Und das Pflegeheim, dass die beste Betreuung versprochen hat, ist leider ganz schön teuer. Sie hat angefangen mit den Drogen, als mein Vater gestorben ist. Das hat sie nie so ganz verkraftet. Und ich würde es nicht verkraften auch noch meine Mama zu verlieren.“

„Moment, du bist freiwillig hier? Also du…“

„Ich habe mich selbst verkauft“, falle ich ihr ins Wort und fühle mich furchtbar es laut auszusprechen. Das klingt schon nur so falsch. So richtig falsch. Man sollte sich nicht selbst verkaufen müssen.

„Scheisse“, zischt Johanna und kuschelt sich total unerwartet an mich heran. Im ersten Augenblick verspanne ich mich, doch dann nehme ich die Wärme und den Trost dankend an.

„Warum bist du hier?“, frage ich nach einer Weile. Johanna legt ihren Kopf auf meiner Schulter ab und streckt nun ihre Hand ebenfalls nach Tuga aus, der extra ein bisschen näher heranrückt, um sich auch von ihr streicheln zu lassen.

„Aus einem ziemlich bescheuerten Grund“, stöhnt sie. „Ich studiere Psychologie und wir haben an unserer Uni so einen Club gegründet. Und in diesem… Also… Genau genommen analysieren wir dort den Werdegang von Straftätern, um es simpel und präzise auf den Punkt zu bringen. Wir beschäftigen uns damit, wie aus einem unschuldigen Kind ein, um es ganz abgedroschen zu sagen, ein Monster werden kann. Ich mache das zusätzlich zu meinem Studium und der Club… naja wir sind vier Leute und arbeiten in unserer Freizeit an den Analysen, stellen Thesen auf oder versuchen Möglichkeiten zu finden, wie man so ein ‘Monster’ bestmöglichst therapieren kann oder halt eben heilen könnte. Das hier,” Johanna hält mit Streicheln inne und lässt ihre Hand in der Luft umherschweifen, “ist sozusagen ein ziemlich missglücktes Selbstexperiment. Unser Schwerpunkt liegt auf Sexualstraftätern und ich wollte an einem Versuchsobjekt meine ‘Methode’ unbedingt einmal in Persona ausprobieren. Das Ziel war es, das Objekt so zu beeinflussen, dass es sich nie wieder einer Frau gegen ihren Willen vergreifen wird. Also das bedeutet, dass das Objekt psychisch oder mental nicht mehr in der Lage dazu sein soll, so eine Tat auszuführen oder ausführen zu wollen. Dafür müssen die Synapsen neu verknüpft werden, wir kehren sozusagen den Prozess um. Wir nutzen traumatische Erinnerungen, die das Objekt bereits durchlebt hat, um neue Risse zu schaffen, Risse, die man kontrollieren und die man in eine gesunde Richtung leiten kann. Sorry, ich probiere dir das gerade so einfach wie möglich zu erklären. Wahrscheinlich verstehst du nur Bahnhof.”

Ich verstehe tatsächlich nur Bahnhof.

“Also hast du dich auch selbst verkauft?”, frage ich vorsichtig nach. Im selben Moment höre ich Nero’s Springerstiefel aus der Ferne näher kommen. Ich merke, wie sich auch Johanna neben mir verspannt. Sie hebt ihren Kopf von meiner Schulter und blickt in Richtung der Tür., wo das Geräusch herkommt Ich tue es ihr gleich. Nero hetzt mit einem schnellen Schritt am Duschraum vorbei. Er wirkt irgendwie ruhelos und obwohl ich nur ganz kurz einen Blick auf ihn erhaschen kann, fällt mir auf, dass er sich in der Zwischenzeit umgezogen hat. Keine Jeans mehr. Kein Top mehr. Jetzt trägt der Mann eine dunkelblaue Jogginghose und dazu einen weit ausgeschnittenen Pullover in der Farbe dunkelbraun. In Jogginghosen habe ich den Alpha noch nie zuvor gesehen. Etwas perplex klimpere ich mit den Wimpern. Habe ich mir das gerade nur eingebildet? Ich muss dem Drang widerstehen aufzustehen, zur Tür zu gehen und dem Mann hinterher zusehen, um mich davon zu überzeugen, dass er gerade wirklich sowas wie Jogginghosen trägt. Stellt sich aber schnell heraus, dass ich das gar nicht muss. Wenig später taucht Nero in der Tür auf und pfeift Tuga zu sich heran. Der graue Wolfshund wirkt zuerst etwas irritiert, trottet aber dann brav zu seinem Meister. Ein weiteres Kommando und der Hund nimmt neben Nero Platz.

“Nur zu deiner Information. 27 ist im Koma und es sieht kritisch aus. Sollte er es nicht überleben, wirst du es nicht überleben. Ich mache kurzen Prozess, ein gezielter Schuss in deinen Kopf, also wenn du weiterleben willst, bete lieber, dass nicht ich es bin, der über dich richten wird, sondern er.“

Die Drohung ist an Johanna gerichtet. In den eisblauen Augen des Alphas fehlt jeglicher Glanz. Kein Funkeln, kein Lodern, nur mattes und frostiges Eisblau. Seine Haltung strahlt dieselbe unbändige Dominanz aus, die ich mir so von ihm gewohnt bin und als sein Fokus von Johanna auf mich überspringt, lässt mich die Kälte in seiner Mimik frösteln. Der Mann ist so eiskalt wie ein Gletscher.

„Erika, in einer Stunde kommt ein Freier. Du wirst ihn auf alle erdenklichen Arten und Weisen glücklich machen. Das sind die Konsequenzen für dein Handeln in meiner Show.“

Kaum hat er die Worte ausgesprochen, verschwindet Nero in Richtung des weißen Zimmers und nimmt Tuga mit sich mit. Meine Reaktion auf die angekündigten Konsequenzen scheint ihm vollkommen egal zu sein, denn er wartet sie nicht einmal ab. Ich sitze wie festgefroren auf der Matratze und spüre, wie mir der Mund vor Entsetzen offen steht. Das kann er doch nicht machen. Er kann mich doch nicht einfach wie eine Prostituierte an einen Freien verscherbeln.

„Moment. Er holt extra einen Freier heran, um dich zu bestrafen?“ Johanna klingt genauso entsetzt darüber, wie ich mich fühle. Pures Entsetzen. Entsetzen in seiner reinsten Form.

„Das ergibt keinen Sinn“, faselt Johanna weiter und ich will ihr zustimmen und beipflichten, aber für mich ergibt es Sinn. Absolut Sinn. Ich bin so tief in Neros Ansehen gesunken, dass er mich nicht einmal mehr seine Hunden servieren will. Ich habe es geschafft etwas in ihm zu wecken, eine Regung auszulösen, eine Emotion in dem sonst so emotionslosen Mann und zwar Hass. Absoluter und eiskalter Hass Ja. Er muss mich hassen. Warum sonst sollte er mir so etwas antun wollen?

„Ich habe noch nie…“, stammle ich total überfordert mit der Gesamtsituation. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Wenn einer sich an mir vergehen soll, dann Nero selbst. Kein anderer. Ich will von keinem anderen Mann außer von Nero missbraucht werden. Das Privileg gehört ihm. Nur ihm ganz allein, schließlich bin ich hinter seiner Tür gelandet und ich habe mich an ihn verkauft und nicht an irgendeinen Freier. ‚Hörst du dir eigentlich noch selbst zu, Rika? Weißt du, wie bescheuert sich das anhört? Du solltest von absolut keinem Mann missbraucht werden wollen!‘, triezt mich die Vernunft, aber die versteht mich nicht. Versteht nicht, wie schäbig ich mich fühle.

„Was hast du noch nie?“, entgegnet Johanna und zieht mich behutsam in eine Umarmung. „Du musst nicht darüber reden. Wir machen das einfach so. Ich lege mich wie ein Schutzschild auf dich drauf und schütze dich mit meinem Körper. Er kann dir nichts, wenn ich bei dir bin. Der Hund wird uns schon beschützen.“ Johanna streichelt mir sanft und beruhigend über den Rücken, aber ich merke, wie auch sie innerlich mit sich kämpft und Zweifel hat. Es besteht die winzig kleine Chance, dass Drae uns wirklich vor Nero verteidigen würde. Dass der Plan aufgehen könnte. Aber wenn nicht, was dann? Noch mehr Konsequenzen? Noch mehr Freier, die ich oder wir bedienen sollen? Ist das die Steigerung, die ich mir durch mein “Handeln” eingebrockt habe? Durch meinen Ungehorsam?

„Er hasst mich!“, winsele ich wie ein getretenes Hündchen, dass von seinem Herrchen zusätzlich auch noch verstoßen und ausgesetzt worden ist.

„Red doch keinen Unsinn“, versucht mich Johanna zu trösten. „Du hast ihn schon einmal aus der Bahn geworfen. Das habe ich gesehen. Du hast ihn fertig gemacht, Rika. Er schnappt nun nach dir, weil du es geschafft hast, ihn zu treffen. Er ist wie ein verwundetes Tier. Wir müssen das ausnutzen.“

„Wie denn?“, fiepe ich und sehe die Frauen im roten Zwinger vor meinem inneren Auge. Das Halsband um meinen Hals fühlt sich plötzlich so eng an. Als wäre es geschrumpft oder als würde es sich immer weiter zuziehen bis.... Ich ringe nach Luft und reiße panisch mit den Fingern dran. Wie lange? Wie lange dauert es, bis eine Stunde um ist? Und warum gottverdammt ist hier keine Uhr?!

„Hör zu. Du musst mir alles verraten, was du über ihn weißt. Wir vernichten das Arschloch. Zusammen machen wir ihn platt.” Johanna löst vorsichtig meine Finger vom Halsband und sieht mich eindringlich an. „Weißt du, Rika. Ich habe mich herbringen lassen, um solchen Männern das Handwerk zu legen. Und jeder, absolut jeder, hat ein Rädchen, an dem man drehen kann. Fynn zum Beispiel. Ich kannte ihn schon, bevor ich ihm richtig begegnet bin. Er war das erstes Testobjekt, dass ich studiert habe. Tobi, mein Kollege an der Uni meinte, Fynn hätte von Anfang an nie eine Chance gehabt. Sein Werdegang wäre vorherbestimmt gewesen. Fynn war das Resultat einer Vergewaltigung. Seine Mutter ist damals einem absolutem Mistkerl zum Opfer gefallen, da war sie kaum älter als du, Rika. Er hat sie nach einer Party mit zu sich nach Hause genommen und über zwei Wochen dort festgehalten und sie immer wieder vergewaltigt.
Und als die arme Frau dann noch erfahren hatte, dass sie schwanger von dem Mistkerl war, der ihr das Leben zur Hölle gemacht hat, ist eine Welt für sie zusammengebrochen. Trotzdem hat sie Fynn bekommen. Aber sie konnte ihn nicht lieben. Er hat sie zu sehr an den Wichser erinnert, der sich zwei Wochen lang bestialisch an ihr vergangen hatte. Und du musst mir glauben, wenn ich dir sage, dass Fynn seinem Erzeuger wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Dieselben Augen, dieselben Gesichtszüge. Sie sind sich so verdammt ähnlich, dass es beinahe schon gruselig ist. Kein Wunder hat ihn seine Mutter in einem Kinderheim abgegeben. Sie hat ihn einfach vor der Tür abgesetzt und wahrscheinlich gehofft, dass die sich dort schon um ihn kümmern werden, da war Fynn gerade einmal vier Jahre alt. Dann ging es los. Er ist von Heim zu Heim weitergereicht worden. Sie haben auch probiert, ihn zurück zu seiner Mutter zu bringen. Aber sie wollte ihn nicht. Das hat den kleinen Jungen geprägt. Er ist immer wieder negativ aufgefallen. Hat geklaut, sich geprügelt, was angezündet, die ganze Schiene an kleinen Straftaten. Und dann kam die Spitze vom Eisberg - als er gerade einmal 14 Jahre alt war, hat er die Leiterin des Heims, in dem er untergebracht war, vergewaltigt. In ihrem Büro. Vor den Augen eines Schulkameraden. Das wurde gefilmt, die Heimleiterin hatte aus sicherheitstechnischen Gründen eine Kamera in ihrem Büro montieren lassen, da immer wieder Dinge aus ihrem Schreibtisch entwendet worden waren. Ich habe das Video gesehen, Rika. Es lag in einer Kiste, die uns von einem der Heime für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt worden war und da wusste ich es einfach. Ich wollte und musste ihn unbedingt als Testobjekt haben.
Ich habe fast zwei Jahre investiert, um alles über ihn herauszufinden und ihn ausfindig zu machen. Was gar nicht so einfach war, weil er hier im Etablissement gelandet ist. Also musste ich mich an ihn verkaufen lassen, um ihn vor Ort weiter studieren und therapieren zu können.“ Johanna seufzt. „Ist vielleicht ein bisschen aus dem Ruder gelaufen“, gibt sie mit gesenktem Kopf zu. „Das Etablissement macht nicht nur uns kaputt, sondern auch die, die eine Tür hier haben. Du willst gar nicht wissen, wie viele Shows ich mir im Vorfeld ansehen musste, um mich mit der Materie schlau zu machen. Und glaube mir, egal wie grausam und eiskalt die hier rüberkommen, in fast allen Meistern steckt ein klitzekleiner Rest von einem armen kleinen Kind, das nie eine Wahl gehabt hatte.”

“Eine Wahl”, wiederhole ich im Kopf und muss an Nero denken. Und dann überwinde ich mich und erzähle Johanna von der Liveshow und von dem, was danach passiert ist. Einfach alles und auch, dass Nero zu mir gesagt hat, dass er keine Wahl hat und irgendetwas tun muss. Sie saugt alles gierig in sich auf und als ich fertig mit Erzählen bin, funkeln ihre Augen wie Kristalle. Sie hat einen Plan. Einen Plan, wie wir Nero das Handwerk legen können. Wie auch zuvor, soll ich die Waffe sein, die den unbarmherzigen Mann verwunden oder gar tödlich verletzen soll.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Johanna wirklich vertrauen und an ihren Plan glauben kann. Bin hin- und hergerissen. Aus irgendeinem Grund hat mir Nero das Video von ihr und 27 respektive Fynn gezeigt. Vielleicht um mich vor dieser Frau zu warnen oder vielleicht hat er auch geahnt, dass Johanna ihm gefährlich werden könnte. Mich alleine kann er kontrollieren, aber mit ihr an meiner Seite hat er, wie er bereits feststellen musste, Schwierigkeiten mich im Zaum zu halten. Johanna sagt, dass wir zusammen gefährlich sind. Wahrscheinlich hat sie recht. Durch sie hatte ich den Mut, mich an die alte Rika zurück zu erinnern und meine Kraft und meinen Mut wiederzufinden.

Aber als die Klingel von Tür 16 schrillt, ist die alte Rika so fern, als wäre sie nie zurückgekehrt. Der Freier steht vor der Tür und mit ihm auch die Angst, die mich wie ein Gespenst heimsucht und in meinem Kopf herumspukt. Der Widerling ist da. Der Widerling, den ich auf alle erdenklichen Arten und Weisen glücklich machen soll. Alleine bei dem Gedanken daran, schüttelt es mich. Keine Sekunde später hört man Nero’s Stiefel den Flur hinunter donnern.

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