Die Katze

Warnung:

Wir erinnern uns daran, dass dies nur eine fiktive Geschichte ist. Der Inhalt soll schockieren, abschrecken und Angst auslösen.  Das Leben ist kostbar. Das Leben ist ein Geschenk und man sollte andere so behandeln, wie man selbst gerne behandelt werden möchte. Mit Respekt, Liebe und Verständnis. Solltest du dunkle Gedanken haben, die dich drohen einzunehmen, dann suche dir bitte Hilfe. Es gibt immer eine helfende Hand, man muss danach nur greifen wollen.

Wenn das Kätzchen schreibt, wird das Mäuschen still. Das Kätzchen fordert viel. Es will spielen, es will fliehen. Oh mein Kätzchen, schreibe die Zeilen. In deinen Fängen will ich verweilen. Lass mich dein kleines Cyber-Mäuschen sein.

Vor einem Monat ging das Gerücht auf unserem Campus rum, dass ein Serienkiller sein Unwesen unter uns treibt. Ein paar Polizeiautos wurden gesichtet. Uniformierte in den Hörsälen und angespannte Dozenten, die in Ecken tuscheln. Ich selbst gehöre zu denjenigen, die abgeschottet und zurückgezogen ihr Studium durchziehen und  nicht viel Interesse hegen grossartig Partys zu feiern und Freunde zu sammeln. Aber ich muss zugegeben, dass der Gedanke an einen Serienkiller in meiner unmittelbaren Nähe auch mich nicht kalt lässt. Ganz im Gegenteil, er fasziniert mich. Am Rande habe ich mitbekommen, dass der Serienkiller es hauptsächlich auf junge Studentinnen abgesehen hat, die er im Chatportal der Uni aufgegabelt hat. Natürlich wird das Chatportal nun überwacht und teilweise war es für eine geraume Zeit sogar gesperrt – Wartungsarbeiten.
Ich studiere zwar nicht Informatik, aber ich kenne mich mit Computern und alles, was damit zu tun hat, etwas aus. Und ist der Serienkiller schlauer als ein Stück Brot, wird er sein altes Jagdgebiet aufgegeben haben und sich jetzt anders  Zugriff zu seiner Beute verschaffen. Ein anderes Chatportal zum Beispiel. Ein Chatportal, wo sich Studentinnen tummeln und zufälligerweise kenne ich so eines. Man nennt ihn übrigens the Cat. Die Katze. Kann man den Gerüchten Glauben schenken, hinterlässt er auf seinen Opfern Kratzspuren. Neben den Leichen hat man angeblich jeweils eine Schüssel Milch vorgefunden, halbvoll. Was das zu bedeuten hat, ist mir ein Rätsel. Allgemein ist die ganze Sache mehr als merkwürdig, was sie aber nicht minder faszinierend macht. Kurzum, ich will mein Glück versuchen und die Katze in mein Versteck locken. Ich will spielen. Irgendwie hatte ich schon immer einen Hang zum Selbstzerstörerischen.
Also habe ich mich auf dem Chatportal, in dem ich ihn vermute, angemeldet. Nickname: Secretmouse -  geheimnisvolles Mäuschen. Na, wenn das nicht passend ist. Bis auf ein paar Perverse, die auf mehr oder weniger absurde Sexspielchen im Internet aus sind, meldet sich niemand. Ein paar Wie-Geht’s-Kerle bilden die Ausnahmen, ansonsten tote Hose. Ich geh nicht davon aus, dass die drei getöteten Mädchen sich auf einen Perversen oder einen harmlosen Wie-Geht’s-Typen eingelassen haben. Ja, man erzählt, dass er bereits drei Frauen auf dem Gewissen hat. Es wird aber noch nicht darüber berichtet. Nirgends. Als wäre es nie passiert. Wieso auch immer die Polizei die Fälle unter den Teppich kehrt. Vielleicht hoffen sie so, den Täter schnellstmöglich zu erwischen. Sie wollen ihn im Ungewissen lassen, ihm nicht zeigen, dass man ihm auf der Spur ist. Wobei die Katze blind sein müsste, wenn ihm die Polizisten rund um den Campus nicht auffallen würden.
Als weiterhin nichts passiert, ändere ich meine Taktik. Ich muss ihn ködern. Wie in jedem Chat gibt es hier einen öffentlichen Raum in dem das Geschriebene für jeden User sichtbar ist. Dort versuche ich mein Glück. Die billige Anmache „Hallo ich bin eine junge Studentin und suche jemand Interessantes zum schreiben“ erscheint mir als ein wenig plump, also füge ich dem ganzen ein Prise Literatur hinzu.

Secretmouse in öffentlicher Chat: Wenn das Kätzchen schreibt, wird das Mäuschen still. Das Kätzchen fordert viel. Es will spielen, es will fliehen. Oh mein Kätzchen, schreibe die Zeilen. In deinen Fängen will ich verweilen. Lass mich dein kleines Cyber-Mäuschen sein.

Wie erwartet melden sich zunächst ein paar verwirrte Perverse, die ich genervt ohne eine Antwort wegklicke. Das ist okay. Das habe ich erwartet. Es vergehen ein paar Minuten bis ein Chatfenster meine volle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Milchmann33 schreibt mich an.

Milchmann33:          Durstig, kleines Cybermäuschen?

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihn zu den anderen Perversen zählen soll, oder ob mehr dahinter steckt. Das Gerücht mit der halbvollen Milchschale neben den getöteten Mädchen macht mich stutzig. Was ist, wenn die Katze gar keine Katze ist, sondern die Studentinnen seine Kätzchen sind? Der Nickname Milchmann würde zu dieser Theorie passen. Er gibt seinen Kätzchen eine Schale Milch. Vielleicht zwingt er sie, bevor er sie tötet, die Milch aus der Schale zu trinken. Aber wieso dann die Kratzspuren?

Secretmouse:            Sehr durstig.
Milchmann33:          Lust auf Milch?

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Masche mit der Milch wirklich bei einer Studentin zieht. Mit gerunzelter Stirn überlege ich kurz, das Chatfenster doch weg zu klicken. Doch als ich sehe, dass der Milchmann bereits eine neue Nachricht in das Chatfenster eintippt, halte ich inne.

Milchmann33:          Du suchst mich, du hast mich gefunden.

Die Zeilen lassen das Blut in meinen Adern gefrieren. Damit habe ich nicht gerechnet. Beim besten Willen nicht. Ist er die Katze? Ist er der Serienkiller? Habe ich ihn gefunden oder er mich? Für einen kurzen Moment weiss ich nicht, was ich schreiben soll. Ich starre lediglich auf den Bildschirm und höre dem lauten Rattern in meinem Kopf zu.

Milchmann33:          Ich will auch spielen.

Er will spielen. Die Neugier spielt gerade Schere-Stein-Papier mit der Vernunft. Soll ich das Spiel mitspielen oder die Reissleine ziehen und den Chatraum verlassen? Ich könnte die Polizei informieren, dass ich ihn gefunden habe, andererseits könnte es sich auch um einen Trittbrettfahrer handeln. Schliesslich redet der ganze Campus von nichts anderem. Jeder will wissen, wer die Katze ist. Die Gerüchteküche lodert regelrecht und ich fühle mich gerade wie das erbärmliche Würstchen, das aufgespiesst über das tobende Feuer gehalten wird.

Secretmouse:            Bist du die Katze?

Zugegeben, mir ist nichts Besseres eingefallen und ich will die Flinte noch nichts ins Korn werfen.  Ich gehe davon aus, dass es ein Trittbrettfahrer ist, der sich einen Scherz erlaubt. So wie ich hat sich eine Person unter einem falschen Nicknamen angemeldet und spielt nun mit mir. Das ist nicht der Killer. Das ist irgendein anderer Student.

Milchmann33:          Ich bin der Milchmann. Hat mein Mäuschen Lust auf eine Schale Milch?

Wer auch immer sich hinter diesem Pseudonym versteckt, ist mit den Gerüchten so vertraut wie ich. Mir fällt schlichtweg nichts ein, was ich darauf erwidern könnte. Es wirkt so, als hätte meine Kreativität die Koffer gepackt und sich aus dem Staub gemacht.

Milchmann33:          Will das Mäuschen nicht spielen? Ich dachte, du willst mein kleines Cybermäuschen sein.

Die Person nimmt ihre Rolle ernster als ich meine. Ist es strafbar, sich unter falschen Namen in einem Chatroom über einen Mord im weitesten Sinne lustig zu machen, in dem man ihn verharmlost und im Internet nachspielt? Vielleicht ist der Milchmann ein getarnter Polizist, der Studenten ausfindig macht, die die Ermittlungen mit ihrer Neugierde gefährden? Ich spüre, wie mir das allmählich zu viel wird. Ich dachte, mich würden die getöteten Mädchen kalt lassen, dachte, es wäre lustig auf eigene Faust im Internet nach dem Killer zu suchen. Spass macht es jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Es fühlt sich an, als ob gleich meine Zimmertür aufgerissen wird und entweder die Polizei oder der Killer höchstpersönlich in der Türspalte auftaucht. Ohne zu Antworten schliesse ich das Chatfenster und mache den Computer aus. Das war eine blöde Idee.
Ein komischer Instinkt treibt mich dazu, den Schock mit irgendetwas hinunterzuspülen. Also stehe ich von meinem Stuhl auf und mache mich auf den Weg zum Kühlschrank, der in der kleinen Küche steht in meiner Zweizimmer-Wohnung, die ich mir nur leisten kann, weil ich nebenbei jobben gehe. Als ich die Kühlschranktür öffne, greife ich zielstrebig nach der Milchtüte und nehme einen grosszügigen Schluck. Welch Ironie. Wie kann ich nach so einer Aktion Milch trinken? Mit der Milchtüte in der Hand setze ich mich an den wackeligen Tisch und starre auf das Buch, was neben der Katzenschale von meinem Kater Henry und dem Aschenbecher liegt. Ich nehme nochmals einen Schluck aus der Milchtüte, kann dabei den Blick aber nicht von dem Buch lösen. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dieses Buch zu besitzen. Was ist,… wenn es jemand hier platziert hat? Was ist, wenn jemand eingebrochen ist, während ich am Computer Katz und Maus gespielt habe? Panisch schaue ich mich kurz im Raum um. Es ist bereits spät und dunkel. Niemand da, ausser mir. Was ist das nur für ein Buch? Mit zittrigen Fingern greife ich nach dem schwarzen Umschlag und klappe die erste Seite auf. Ein Lächeln legt sich auf meine Lippen, als ich den Inhalt sehe. Ach so ist das. Ich erinnere mich. Beruhigt kippe ich den Rest der Milch in Henrys Katzenschale und stehe auf.

Die vertrauten Kopfschmerzen kehren zurück und ich hole den warmen Wintermantel von der Garderobe. Ich muss definitiv vorsichtiger sein. Sie sind mir auf den Fersen.