Deepweb Babygirl 6 - Painolympics

Deepweb Babygirl 15. Juni 2022

Mit Kopfschmerzen apokalyptischen Ausmaßes reiße ich verwirrt die Augen auf. Autsch. Mein Schädel fühlt sich an, als wäre er mit einem Vorschlaghammer zu Brei verarbeitet worden. Vorsichtig richte ich mich im Bett auf und bin überrascht, weder Blut noch Hirnmasse auf dem Kissen vorzufinden. Mit dem Finger die schmerzenden Stellen an meinem Kopf misstrauisch erkundend, inspiziere ich ängstlich wie ein Beutetier in unmittelbarer Gefahr meine Umgebung. Alle Wege führen bekanntlich nach Rom, in diesem grauen Klotz führen alle Wege in Dantes kleines Zimmerchen. Vampirscherzkeks hat es sich mir gegenüber auf einem Stuhl bequem gemacht. In seiner Hand befindet sich eine Kamera. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich ihn anschreien soll, halte aber inne. Wie zum Teufel bin ich hierher gekommen und was ist mit dem Rasenmähermann und dem Mädchen passiert? Mühsam versuche ich mich zu erinnern, stelle aber schnell fest, dass mein Gedächtnis keine Lust hat, mir auf die Sprünge zu helfen.
„Sie sind wach. Das ist gut.“, stellt Dante trocken fest, während er mit seinem linken Zeigefinger auf seiner Kamera herum tippt. „Wir müssen gleich los. Die Show beginnt in 10 Minuten.“
„Und was genau ist passiert? Wie komme ich hierher?“
„Sie haben wieder einmal den Nathan raushängen lassen.“ Seufzend positioniert Vampirscherzkeks sich in seinem Stuhl neu, so dass seine Ellbogen auf seinen Knien ruhen und die Kamera auf seinem Schoss. „Es ist mir ein Rätsel, wieso sie ihre Nase in Dinge reinstecken müssen, von denen sie absolut keine Ahnung haben. Kastor hat sie abgeholt. Hach. Sie benehmen sich manchmal wie ein kleines Kind, Nathan. Man kann sie keine fünf Minuten aus den Augen lassen.“
Kastor hat mich abgeholt? Das erklärt, wieso sich mein Hinterkopf anfühlt, als hätte ihn Muhammad Ali persönlich als Boxsack benutzt.
„Ich wollte das Mädchen vor dem Rasenmähermann…“, versuche ich mich zu rechtfertigen, aber Dante unterbricht harsch.
„Sie waren an der Bar und haben sich volllaufen lassen. Ach ja, und dann haben sie angefangen mit Liegestühlen wild um sich zu werfen. Ich kann mir nicht erklären, wieso sie so eine starke Abneigung gegen bunte Liegestühle haben, aber es ist mir auch egal. Wir haben keine Zeit über fliegende Sitzmöglichkeiten zu diskutieren, außerdem langweilen mich ihre unkontrollierten Wutausbrüche allmählich. Neben ihnen liegt ihr Outfit.“
„Willst du mich verarschen? Du verarschst mich oder?“, knurre ich geladen und ringe um Selbstbeherrschung. Will er mich auf den Arm nehmen?
„Nein, ich verarsche sie nicht. Das ist wirklich ihr Outfit. Nicht ganz ihr Stil, ich weiß, aber es wird ihnen fabelhaft stehen, vertrauen sie mir.“
„Ich habe KEINEN Schluck Alkohol getrunken und ich habe auch nicht Frisbee mit irgendwelchen bescheuerten Liegestühlen gespielt. Das Letzte, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich mit Hoppel in einem Pinkroom war und zusehen musste wie Arschloch ein unschuldiges Mädchen mit einem verdammten Rasenmäher überfährt. Verdammte Scheisse.“
Wütend balle ich die Hände zu Fäusten und spüre prompt ein Brennen auf den Fingerknöcheln. Aua. Ich schaue nach unten. Die Haut ist aufgerissen und an einigen Stellen klebt verkrustet etwas Blut. Das ist der Beweis. „Siehst du?“
Ich halte Dante meine Fäuste entgegen. „Ich wollte das Mädchen retten und habe wie ein Verrückter immer und immer wieder gegen die Glaswand geschlagen. Aber die Wichser haben den beschissenen Raum wohl mit Panzerglas ausgestattet.“
Dante zieht spöttisch eine Augenbraue in die Höhe.
„Beeindruckend.“, erwidert er gelangweilt und faltet die Hände unter seinem Kinn ineinander.
„Was?“
„Offensichtlich haben Sie wie ein tollwütiger Stier gegen die bösen, bösen Liegestühle gekämpft.“ Ein Schmunzeln legt sich auf sein Gesicht.
„Was haben Ihnen diese Stühle bloß angetan, dass Sie sie so sehr hassen?“ „Was? Hör doch mal auf mit diesen Liegestühlen! Ich WAR in diesem Pinkroom. Und dort WAR dieses Mädchen und der Kerl mit dem Rasenmäher und Hoppel! Warum sollte ich mir sowas ausdenken?!“
„Sie fangen an mich zu langweilen.“
„Ich langweile dich? Ach ja? Nett. Danke.“
„Ich bitte sie, Nathan. Diese Diskussion ist sinnlos. Ob sie nun in Begleitschaft eines Hoppelhäschen irgendeinem teuflischen Rasenmähermann die Kehle rausreißen und mit ihren Fäusten eine Massage verpassen wollten oder alkoholisiert mit Liegestühlen um sich geworfen haben, das Resultat ist dasselbe. Die Show fängt gleich an und sie trödeln herum.“
Zerknirscht und widerwillig sehe ich ein, dass es keinen Wert hat mit Dante weiter zu diskutieren und falte das Häufchen Kleidung neben mir auseinander. Das ‘Outfit’ besteht aus einem dünnen, schwarzen Tank Top und einer Hose in der gleichen Farbe. Die Hose hat anstelle eines Reißverschluss einen Klettverschluss, den man mit wenig Kraftaufwand aufreißen kann. Kommentarlos fange ich an Poloshirt und Hose aus- und den Fummel in Lederoptik anzuziehen. Wie nicht anders zu erwarten, passt Tank Top sowie Klettverschluss-Hose wie angegossen. Die Shorts habe ich bewusst weggelassen, da ich mir ausmalen kann, wofür der Klettverschluss der Lederhose gedacht ist. Als ich fertig bin, mustert mich Dante einmal von oben bis unten.
„Steht Ihnen, Nathan.“
Lachend klappt er den Bildschirm seiner Kamera aus. „Sagen Sie Cheese!“ Schneller als ich realisieren kann, was gerade passiert, blitzt es. „Was zum Henker…“, fluche ich und reibe mir über die Augen. „Was soll das?“ Er zuckt mit den Schultern. „Ein Erinnerungsfoto, damit Sie nicht vergessen, wie unheimlich viel Spaß wir miteinander hatten.“
„Ich weiß nicht, ob ich daran erinnert werden möchte.“, murre ich und beobachte Dante, wie er sich eine Weste überzieht und perfekt gekleidet und in Schale geworfen zur Tür spaziert.
„Bitte nach ihnen, Nathan. Ich muss Sie schließlich im Auge behalten, sonst gehen Sie wieder verloren.“ Ein spöttisches Frechdachsgrinsen schleicht sich auf seinen Mund.
Augenrollend stampfe ich an ihm vorbei und stelle dabei fest, dass Klettverschlüsse ganz schön unangenehm im Schritt sind.
Die Korridore sind zu meiner Überraschung so voll wie auf einem reichlich besuchten Messegelände und wir müssen uns wohl oder übel durch die Menschenmasse kämpfen. So viele Arschlöcher auf einem Haufen. Theoretisch könnte man die Welt mit einer großen Ladung TNT auf einen Knall um einiges besser machen.
Die Eingangstüren zur Arena sind jeweils mit drei bulligen und miesgelaunten Türstehern versehen. Jeder der passiert, wird einmal gründlich von oben bis unten durchgecheckt und mit einem Metalldetektor gescannt. Als Dante an der Reihe ist und kontrolliert wird, rechne ich schon fast damit, dass der Scanner ausschlägt. Ich würde ihm definitiv zutrauen etwas ‘Verbotenes’ in die Arena zu schmuggeln, aber wir durchqueren die „Sicherheitskontrollen“ ohne Aufsehen zu erregen oder den Alarm auszulösen.
In der Arena angekommen, folge ich Dante zu unseren Plätzen. Von Nathalia und Kastor fehlt jede Spur und auch Krawatte ist wie vom Erdboden verschluckt.
Das Publikum besteht aus einer beträchtlichen Anzahl Männer, hin und wieder haben sich vereinzelt ein paar Frauen zwischen Bilder-Buch-Serienkiller, Kannibale und Kinderschänder verirrt. Wow, Nathan, du hast den Jackpot gezogen, Arsch an Arsch sitzen mit dem grössten Abschaum der menschlichen Rasse. Was für ein unsagbarer Glückspilz du doch bist.
Ich seufze und lasse mich auf meinem Platz nieder, nachdem sich ein paar Männer mit Bierbäuchen und extravaganten Kopfbedeckungen an uns vorbei gequetscht haben. Wetten, die gehören zu der Gummibärenbande?
Während ich das Publikum in Augenschein nehme, tippt Dante auf einem altmodischen Handy herum, dass ihm sein anderer Sitznachbar unauffällig auffällig zugesteckt hat. Ein Nokia3310, unzerstörbar und uralt.
Neugierig linse ich zu dem Mann rüber. Die riesige Sonnenbrille auf seiner Nase verdeckt beinahe die komplette obere Gesichtshälfte. Er trägt einen schwarzen Beanie aus dem ein paar lose platinblonde Haare heraushängen. Wahrscheinlich eine Perücke. Sein kompletter Körper ist unter einem langen anthrazitfarbenen Mantel verborgen. Sehr Inkognito gekleidet, der Kerl. Mr. Schmerz, bist das du?
Das Handy wandert von Dante zu dem Mission-Undercovertyp zurück. Dieser schaut kurz auf den leuchtenden Bildschirm und tippt selbst ein paar Mal auf den Tasten herum, bevor er das Telefon wieder Vampirscherzkeks in die Hand drückt. Dante kichert vergnügt wie ein kleines Mädchen. Auch der andere kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Wow. Okay. Die beiden buddeln definitiv im selben Sandkasten.
Gerade als ich meinen Blick von den beiden Turteltauben abwenden will, verschwindet Dantes Hand in seiner Hosentasche und zum Vorschein kommt eine kleine Speicherkarte. Das Grinsen von Mr. Schmerz wird breiter, als die Speicherkarte den Besitzer wechselt. Prompt landet der Datenträger im anthrazitfarbenen Mantel. Wieder werden Nachrichten auf dem Handy ausgetauscht, bis Anthrazitmantel die Hand zum Abschied hochhält und sich mitsamt Datenträger und Handy aus dem Staub macht. Dante dreht sich in meine Richtung und strahlt über beide Ohren.
„Geschäftsmännerkram. Keine Sorge, sie sind immer noch meine Nummer Eins“, flötet Dante fröhlich und zupft sein Hemd zurecht.
„Wer war der Kerl? Mr. Schmerz? Und was ist auf dem Datenträger?“
„Wieso fragen Sie, Nathan? Oh, ich verstehe.“ Dantes Augenbrauen schlagen furiose Wellen.
„Was?“
„Er gefällt Ihnen. Moment, irgendwo habe ich bestimmt seine Handynummer herumfliegen“, lachend fängt er an in seiner Hose herum zu wühlen.
„Ich habe schon verstanden. Es geht mich nichts an. Und nur falls es dir noch nicht aufgefallen ist, ich bin nicht schwul.“, knurre ich leicht angepisst und wünsche mir, ich hätte meinen Gillette Rasierapparat zur Hand um Dantes furioser Augenbrauen-Akrobatik ein für alle Mal den Gar auszumachen.
„Sie sagen das, als wäre es etwas Schlimmes, schwul zu sein“, säuselt Dante in einem süffisanten Tonfall, ganz klar mit der Absicht mich zu provozieren. Tja Dante, da muss ich dich leider enttäuschen. Mit gerecktem Kinn wende ich mich von ihm ab und lehne mich gelassen in meinem unbequemen Sitz zurück. „Absolut nicht, ich stehe einfach nicht auf Männer. Tut mir leid, wenn du dir Hoffnungen gemacht hast.“
Ich spüre etwas Warmes auf meinem Oberschenkel. Mein Blick wandert nach unten und ich erspähe Dantes Hand, die sich verdächtig schnell meinem Schritt nähert. „Was soll das?“, keife ich ihn an und katapultiere seine Hand unsanft von meinem Schenkel.
Grinsend reibt er sich über den schmerzenden Handrücken. „Autsch, das hat wehgetan. Ich wollte nur testen, ob sie sich auch ganz sicher sind. Man munkelt, sie hätten sich mit Jim und Karl äußerst ausgiebig in der Sauna amüsiert.  Ich muss zugeben, es enttäuscht mich, dass sie die beiden Herren mir vorziehen, aber verzeihe ich Ihnen.“
„Da war nichts.“
„Natürlich. Selbstverständlich war da nichts. Sie sind ja nicht schwul.“
„Richtig. Ich bin nicht schwul.“
Stille breitet sich zwischen uns aus, während der Lärm der Arena um uns tobt. Genervt lasse ich meinen Blick über die Arena schweifen. Das Erste, was mir direkt ins Auge sticht, ist die riesige Leinwand. Schmerzhaft kommen die Erinnerungen an die Filmchen hoch, die dort abgespielt worden sind. Ich zwinge mich, die Leinwand des Grauens vorläufig auszublenden und mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Mehrere Typen laufen mit großen Kameras über den Schultern herum. Einer der Kameramänner poliert die Schnetzelmaschine alias Fleshcrasher 9000 abseits von der Bühne mit einem weißen Handtuch auf Hochglanz. Ich hoffe, dass das Ding rein aus dekorativen Gründen und zur Abschreckung aufgestellt worden ist. Ich will es nicht noch einmal im Einsatz sehen.
Direkt vor der Showbühne stehen vier begehbare Container in den Farben blau und orange. Links von der großen Leinwand hinter der Bühne schwebt in ungefähr 5 Meter Höhe eine kleine, protzige Terrasse, die an einer komplizierten Metall-Vorrichtung von der Decke hängt. Von dort oben hat man den perfekten Überblick über die komplette Arena. Das ist bestimmt die VIP-Lounge für erlesene Gäste mit vollen Brieftaschen. Gut vorstellbar, dass Viktor es sich in einem der roten Sessel bequem machen und sich wie Gott höchstpersönlich fühlen wird. Würde mich nicht überraschen, wenn er mit Krönchen und Zepter zu seinem Platz schreitet und mindestens drei Handlanger sein Hermelinmäntelchen hinter ihm her tragen.
Dante stupst mich von der Seite an.
„Darf ich Ihnen ein kleines Geheimnis anvertrauen, Nathan?“
„Da bin ich aber gespannt.“
„Der reizende Mann vorhin,… ich…“ Dante stoppt abrupt und sieht zu mir hoch.  „Ich…“, setzt er nochmal an.
„Was denn?“, hake ich ungeduldig nach, einer seiner Scherze erwartend.
„Er ist Mr. Schmerz, richtig?“
Angespannt kaut er auf seiner Unterlippe herum, anstatt endlich mit der Sprache rauszurücken. "Dann halt nicht."
„Sie bauen doch tatsächlich den Henkerstuhl auf!", brüllt ein Typ eine Reihe hinter uns begeistert .„Echt? Abgefahren!", antwortet ein anderer. Ein Henkerstuhl? Moment Mal, hatte Dante nicht irgendeinen einen Henker erwähnt?  Zwischen Bühne und Publikum bauen ein paar Typen, die aussehen wie wandelnde, klobige IKEA-Schränke, ein Podest auf.  Einer davon hievt einen wuchtigen Stuhl auf eine Plattform und ein anderer wirft ein dickes Seil über eine massive Fahnenstange, welche aus dem Boden in der Mitte des Podests ragt. Fassungslos starre ich auf das Konstrukt. Ist bestimmt nur Dekoration und in Wirklichkeit feiern wir einfach eine riesige, gruselige Halloweenparty unter Erwachsenen und…
Plötzlich geht das Licht aus und es ist zappenduster. Okaaay. Ich will nach Hause. Klein Nathan möchte gerne aus dem Spieleparadies abgeholt werden.
„Es geht los.“, haucht Dante leise in meine Richtung. Schlagartig ist es muxmäuschenstill, als hätte man mit dem Licht auch sämtliche Geräusche ausgestellt. Wenig später gehen die Scheinwerfer an und beleuchten die VIP-Lounge auf der Terrasse sowie einen Mann, der mittig auf der großen Showbühne steht. Die Haare des Kerls auf der Bühne sind mit Haarspray zu einer wilden und farbenfrohen Wuschel-Frisur frisiert. Das Gesicht ist geschminkt wie das von Pennywise, dem Clown. Untenrum trägt er einen schicken dunkelblauen Anzug mit goldenen Manschetten und dazu schwarze Lederschuhe.
Rockige Musik dröhnt aus den Lautsprecher Boxen und auf der großen Bildschirmanzeige hinter der Bühne erscheint eine glühend rote 10. Schon wieder ein Countdown? Ich bin allergisch gegen Countdowns. Während die rote 10 in Zeitlupe und nicht im Sekundentakt einer bordeauxfarbenen 9 weicht, füllen sich die Reihen weiter mit Besuchern und auch die exklusive und ausgeleuchtete Terrasse bleibt nicht leer. Wie nicht anders zu erwarten, hat Viktor sein prunkvolles Gesäß auf einen der roten Sessel geschwungen. Direkt neben ihm sitzt eine Frau, die ich noch nie gesehen habe und zu meiner Überraschung gesellt sich auch eine nervöse dreinblickende Krawatte in die VIP-Lounge. Verräter, denke ich und schaue rüber zu Dante, der ebenfalls Jim in sein Visier genommen hat. Im Gegensatz zu mir, verzieht er aber keine Miene. Erst, als ein weiterer Gast die Stufen zur Terrasse erklimmt, bröckelt seine gelassene Fassade. Und auch ich staune nicht schlecht, als ich erkenne, wer gerade mit Baby auf dem Arm in einem der roten Sessel platz nimmt. Das kann doch nicht wahr sein. Verwirrt reibe ich mir über die Augen.
„Das ist doch Nathalia“, sage ich entsetzt und zeige mit dem Finger auf die weißhaarige Schönheit inmitten unserer Feinde. „Oops“, antwortet Dante knapp, als würde es sich hier nur um einen kleinen Fauxpas handeln und als wäre Madame Rattenscharf nicht für alle Welt sichtbar zum Gegnerteam übergelaufen.
„Oops?“, echoe ich und versuche den Schwall an negativen Gefühlen, die bei dem Anblick von ihr und dem Baby wie ein Tsunami über mich hinwegfegen, nervös weg zu lächeln. Meine Mundwinkel zucken epileptisch. „Oops!? Sag bloß, dich scheint die Tatsache, dass Nathalia dort oben einen auf Babysitter macht, nicht aus der Bahn zu werfen? Ich glaube, dein diabolischer Plan hat sich gerade in Luft aufgelöst. Zumindest der Part mit ihr und mir auf dieser Bühne dort unten.“
„Wir improvisieren, vergessen Sie alles, was ich Ihnen bisher über die Liveshows erzählt habe, Daddy hat den Braten gerochen und das Konzept ein bisschen abgeändert. Wir müssen also bei 0 anfangen“, erwidert Dante gelassen und zuckt mit den Schultern. „Aber ein Genie lässt sich von so einer Lappalie nicht aus der Ruhe bringen.“
„Also wenn das für dich eine Lappalie ist, weiß ich auch nicht.“
„Seien Sie nicht so nervös, Nathan. Vertrauen Sie mir und meinem diabolischen Plan. Wir werden gewinnen.“
Ein lauter Gong erstickt unsere Diskussion im Keim. Der Countdown steht auf null und weicht einer LIVE-Übertragung. Nun sieht man den Mann auf der Bühne, der aussieht wie eine Kreuzung aus Pennywise und Joker, im XXL-Format auf dem großen Bildschirm. Als wieder ein Gong durch die Arena hallt, löst sich der Mann von seiner Starre und mit ihm auch die Knöpfe seines schicken Anzugs. Tanzend entledigt er sich des dunkelblauen Stoffs und offenbart das, was er darunter versteckt hat. Ungläubig starre ich auf die Konstruktion zwischen Brust und Bauch, die von vier dicken, schwarzen Lederriemen festgehalten wird und aus der vereinzelt Kabel in diversen Farben herunterhängen. Was zu Hölle ist das?
Während der Kerl weiterhin halbnackt auf der Bühne ordinäre Tanzmoves zum Besten gibt, sehe ich ein paar bullige Handlanger mit Sonnenbrillen im Matrix-Stil einen Glaskasten aus einem der blauen Container, die vor der Bühne stehen, tragen. Als sie das Ding direkt neben dem Hüfte-schwingendem Clown auf den Boden stellen und in einer Reihe kommentarlos davon trotten, überkommt mich ein ungutes Gefühl. Das Gefühl verstärkt sich ungemein, als wenig später die Sonnenbrillen wieder zurückkommen, den Glaskasten hochhieven und den nackten Clown darin einsperren. Dem scheint das aber völlig egal zu sein, unbeirrt tanzt er weiter. Er tanzt, und tanzt, und tanzt, tanzt solange bis die Luft im Kasten knapp wird, sein Gesicht allmählich anfängt rot anzulaufen und die Augen anschwellen. Ich will nicht hinsehen. Aber es ist wie ein Autounfall, man kann einfach nicht anders. Mein Blick wandert zwischen der Kameraübertragung und Bühne hin und her. Der Clown geht langsam in die Knie, während seine Hände schwach die Wände des Glaskastens abtasten. Weitere Minuten vergehen. Der Clown beginnt panisch zu werden. Das schwache Tasten verwandelt sich in qualvolles Schlagen. Die Kameraübertragung wird von einem weiteren Countdown abgelöst. 10….9….8…7…6….5…4….3….2….1. Boom.
Mit einem Knall färbt sich das Glasgebilde rot. Verdammte Scheisse - sie haben den Clown gesprengt. Die Übertragung geht wieder an und einer der Kameramänner hievt seinen Körper auf die Bühne, um ganz nah heran zu zoomen. Ein Gemisch aus Weiß, Rot und diversen anderen Farben tropft und bröckelt an den gänzlich unbeschädigten Glaswänden herunter und verschmilzt mit dem pampigen Brei auf dem Boden des Kastens. Die Sonnenbrillen heben aus Jux den Kasten einmal an und ein Schwall aus Blut bahnt sich seinen Weg aus dem Glasgefängnis über die Oberfläche der Bühne.
„Herzlich Willkommen bei der diesjährigen Painolympic, Nathan“, flüstert Dante und ich hätte am liebsten losgeheult.
Die Musik wird leiser, während der Glaskasten wieder abtransportiert und die Bühne von den Überresten des Clowns gereinigt wird. Drei Frauen in blauen Ganzkörper-Plastikanzügen packen ein paar größere Körperteile in eine Tiefkühlbox auf einem Waggon und schrubben daraufhin unmotiviert ein paar Mal mit dem Wischmopp über die Blutlache auf dem Boden. Zu allem Überfluss werden sie dabei von einem Kameramann, der seinen Job sehr ernst nimmt, bei jeder noch so kleinen Handbewegung gefilmt. Irgendwie schlägt es mir auf den Magen, dass es nur knapp über fünf Minuten dauert einen kompletten Mann oder wenn man es genauer nimmt, ein Leben weg zu wischen.
„Haben Sie jemals über den Tod nachgedacht?“ Dantes Frage kommt überraschend.
„Nicht wirklich“, antworte ich und schaue minimal beunruhigt zu ihm herüber. Seine Finger trommeln passend zum Rhythmus der Musik auf seinen Knien rum.
„Wenn sie heute auf dieser Bühne sterben müssten, was wäre ihr letzter Gedanke?“
„Jetzt machst du mir Angst.“
„Sie werden auf dieser Bühne nicht sterben, versprochen. Ich bin nur neugierig. Erleuchten Sie mich, Herr King.“
„Ich habe keine Ahnung.  Darüber will ich gar nicht nachdenken. Was wäre denn dein letzter Gedanke?“
Seine Finger halten kurz inne. Ein Lächeln schmiegt sich auf seine Lippen, als er meine Frage beantwortet. „Dass es sich gelohnt hat. “Verwirrt lege ich die Stirn in Falten. „Was genau meinst du damit? Was soll sich gelohnt haben?“
„Luther 1912 Offenbarung 13. 11 bis 18‚ und ich sah ein anderes Tier aufsteigen aus der Erde; das hatte zwei Hörner gleich wie ein Lamm und redete wie ein Drache. Und es übt alle Macht des ersten Tiers vor ihm; und es macht, dass die Erde und die darauf wohnen, anbeten das erste Tier, dessen tödliche Wunde heil geworden war; und tut große Zeichen, dass es auch macht Feuer vom Himmel fallen vor den Menschen;  und verführt, die auf Erden wohnen, um der Zeichen willen, die ihm gegeben sind zu tun vor dem Tier; und sagt denen, die auf Erden wohnen, dass sie ein Bild machen sollen dem Tier, das die Wunde vom Schwert hatte und lebendig geworden war.
Und es ward ihm gegeben, dass es dem Bilde des Tiers den Geist gab, dass des Tiers Bild redete und machte, dass alle, welche nicht des Tiers Bild anbeteten, getötet würden. Und es macht, dass die Kleinen und die Großen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Knechte allesamt sich ein Malzeichen geben an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn,  dass niemand kaufen oder verkaufen kann, er habe denn das Malzeichen, nämlich den Namen des Tiers oder die Zahl seines Namens.
Hier ist Weisheit! Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tiers; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig! Und an alle anderen, die Bibelversen nichts abgewinnen können – mein Name ist Baphomet und ich habe heute die Ehre, den fantastischen Steven zu vertreten und euch, meine Brüder und Schwestern, durch die finale Show und allerletzte Etappe zu geleiten! Herzlich Willkommen bei der diesjährigen Paaaaaaaaaainolympic!“
Ein Kerl in einem roten Hosenanzug steht mit einem Mikrofon bewaffnet auf der Bühne und begrüßt wie Hitler mit hocherhobener Hand die Menge.
„Was soll sich gelohnt haben?“, frage ich Dante nochmals, aber dieser PSSST mich nur aus und deutet mit seinem Kopf Richtung Bühne. Angespannt nehme ich den Typen im Hosenanzug genauer unter die Lupe. Der Kerl sieht aus, als hätte man einem Taliban den Turban vom Kopf gerissen und ihn danach in einen Anfängerkurs für Fashionistas gesteckt. Hallo Conchita Wurst der Undergroundszene.
„Wie jedes Jahr möchte ich darauf hinweisen, dass alles, was auf dieser Plattform geschieht, live auf unserem geschützten und exklusiven Streamingportal übertragen wird. Unser Technik-Team gewährt ihnen höchste Sicherheit und Diskretion. Wir sind und bleiben unantastbar. Ihre Anonymität ist bei uns in besten Händen, bla bla, bla - blah und so weiter und so fort. Wir alle kennen die Leier. Genug der formellen Reden. Es ist an der Zeit, unser inneres Tier freizulassen und das zu tun, wofür wir alle hier sind. Lust, Schmerz, verführerische Todesschreie und grenzenloser Wahnsinn werden diese Hallen erfüllen und uns auf eine neue Ebene des Menschseins führen. Doch bevor die Magie ihre Wunder entfalten kann, übergebe ich das Wort unserem Gastgeber und Leitwolf. Viktor Radikov. Meine Freunde. Tosender Applaus für unseren FICKTOOOOOHR.“
Ein tosender Applaus fegt über die Arena, als der LEITWOLF sich von seinem roten Thrönchen in der VIP-Lounge erhebt und sich dafür von der Masse ausgiebig feiern lässt. Wäre ein BUH-Ruf kein garantiertes Todesurteil, hätte ich laut und wie ein Wolf BUUUUUUUUUUHUUUUU geheult, um meine Missgunst für alle Ohren hörbar zum Ausdruck zu bringen. Stattdessen verlässt ein beinah geräuschloses "Arschloch" meine Lippen und entlockt Dante ungewollt ein Kichern.
Nach einer gefühlten Ewigkeit verebbt der Applaus und zu unser aller Freude - hust - startet der Alpha endlich mit seiner lang ersehnten Rede. Die Frau neben ihm reicht ihm ein Mikrophon.
"Willkommen, meine Freunde, ich heiße euch alle herzlich Willkommen in unseren Reihen. Ganz schön kuschlig hier drin geworden, nicht wahr? Es erfüllt mich mit Freude unsere Gemeinschaft wachsen zu sehen. Wir werden mehr. Wir werden viele. Und aus einer Randgruppe wird ein ganzes Königreich. Wie ein Phönix aus der Asche erheben wir uns und brennen nieder, was uns einst genommen worden ist. Wir reißen die Mauern ein und bringen die Grenzen zu Fall. Der Zeitgeist verändert sich. Wir sind schon längst nicht mehr die zerrissenen Kinder, die wir einst waren und heute, - heute sind wir frei. Es ist an der Zeit unsere Flügel zu spreizen und endlich zu fliegen." Machtvoll streckt Viktor seine Arme empor und die Menge jubelt.
"Es ist eine Bürde ein Leben lang eine Maske zu tragen und zu verbergen, wer und was man ist. Ich weiß nur zu gut, wie schwer das ist. Aber viel schwerer ist es, diese Maske wieder abzusetzen und das zu sein, zu dem man gemacht und erschaffen worden ist. Vielen Dank. Ich danke euch allen für das entgegengebrachte Vertrauen."
Wieder Beweihräucherung seitens des Publikums.
"Wie die meisten von euch wissen, wird diese Show sogleich meine Letzte sein. Trotzdem ist das für mich kein Grund zur Trauer. Nein. Im Gegenteil. Es sollte uns allen bewusst machen, wie schwach und unbeständig unser Körper ist. Für manch einer ist er ein Gefängnis und für andere lediglich ein Mittel zum Zweck. Was wirklich zählt, ist unser Geist. Die Seele, die das Zepter führt und die Hebel betätigt. Unser Körper gehört uns nicht, er ist nur Masse. Masse, die jederzeit aus unserer Hand gerissen werden kann. Und in diesem Sinne lasset uns alle heute Abend auf dieser Bühne Töpfer sein und aus der Masse wahre Kunstwerke schaffen!"
Die kraftvolle Rede von Viktor lässt mir das Herz in die Hose rutschen. Angetrieben von den Worten ihres Leitwolfs, erheben sich die Menschen von ihren Plätzen und bringen mit ihrem Beifall die ganze Arena regelrecht zum Beben. Auch Dante steht auf und klatscht in die Hände. Erstaunt und leicht irritiert beobachte ich das Geschehen und weiß in dem Moment absolut nichts mit mir anzufangen. Ich gehöre nicht hierher. Prompt muss ich an den Zumba-Kurs mit Letizia denken, zu dem sie mich einmal gegen meinen Willen mitgeschleppt hatte. Alle um mich herum wild am herumfuchteln und tanzen, nur ich stand da, regungslos, als wäre mein Bewegungsapparat kaputt gegangen. Ungefähr so ähnlich fühlt sich diese Situation an. Nur mit dem klitzekleinen Unterschied, dass hier Menschen abgeschlachtet statt Proteinshakes getrunken werden.
Als die Menge sich beruhigt hat, meldet sich der Moderator im schicken Hosenanzug zu Wort.
"Gut. Was gibt es noch zu sagen, bevor wir loslegen können? Lasst mich mal überlegen. Da war noch was. Ich bin mir ganz sicher, etwas ganz Wichtiges. Sehr wichtig. Äußerst wichtig. Aber es fällt mir einfach nicht mehr ein. Puuuh, mit leerem Magen kann ich mich einfach nicht konzentrieren. Daher..... überspringen wir das restliche Gefasel und stillen zuerst unseren gewaltigen und alles verzehrenden Hunger. Hunger auf menschliches Fleisch. JA!!! Wir haben Kohldampf?! Bühne frei für den DOKTOOOOOOR."
Die ganze Kulisse wird in ein schummriges, rotes Licht getaucht. Kameramänner versammeln sich im Halbkreis vor den Containern und halten ihre Linsen auf die Showbühne. Ein schallend lachender Totenkopf im Los-Muertos Stil erscheint auf dem großen Bildschirm über ihren Köpfen. Mexikanische Musik sprudelt aus den Lautsprechern. Aus einem der Container hört man einen schrillen Männerschrei, dann Schläge, die gegen das Metall donnern und ein Rumpeln, als würde gerade jemand die komplette Inneneinrichtung des Containers auseinander nehmen. Irgendjemand rastet dort drinnen definitiv komplett aus. Explosionsartig fliegt die Tür des Containers einem der Kameramänner um die Ohren. Im nächsten Moment springt ein nackter, blutverschmierter Kerl aus der riesigen Blechbüchse und hüpft Bugs-Bunny-verdächtig auf die Bühne.
Zielstrebig marschiert der Mann, eine Blutspur hinter sich herziehend, auf das mittig positionierte Standmikrophon zu. Beim Ziel angekommen, löst er das Mikrophon aus seiner Vorrichtung und hustet drei Mal kräftig hinein. Die Musik wird leise.
"Seid gegrüßt. Ich bin.... OOPSIE  bin ich nackt." Ein Schmunzeln raunt durch die Arena. "Wenn die werten Herrschaften und Damen mich bitte für einen kurzen Moment entschuldigen..." Mit diesen Worten verschwindet der Doktor von der Bühne zurück in den Container und kommt wenig später mit einem Kittel unter dem Arm wieder. Stolz präsentiert er uns sein Gewandt, indem er es einem der Kameramänner vor die Linse hält. Das Kleidungsstück ist mit diversen Flecken in verschiedenen Rottönen versehen und sieht aus, als hätte es jahrelang in einem Schlachthaus als Spritzschutz gedient. Zufrieden in die Menge nickend, wirft er sich den blutgetränkten Stoff über die Schultern und zieht voller Elan den Reißverschluss hoch.
"Wir werden heute operieren", verkündet er fröhlich und streicht sich mit einer Hand über die kurzen weißen Haare auf seinem Kopf. Die Liveübertragung wird gestartet. Nun sieht man den Doktor im Großformat auf der Leinwand. Neben der Kameraübertragung ist auf der linken Seite ein schwarzer Balken mit roter Schrift eingeblendet. Sieht aus wie ein Chat. Direkt über dem Chat befindet sich ein Counter und dieser Counter steht aktuell auf Zero Dollar. Als hätte Dante meine Gedanken gelesen, bestätigt er meine Vermutung und setzt sogar noch einen oben drauf. "Nathan, sehen Sie die Anzeige dort über dem Chat? Werden die Wünsche aus dem Chat erfüllt, steigt der Counter. Ebenso wenn der Akt gut ankommt. Wird ein Wunsch jedoch verweigert oder der Akt an sich als schlecht befunden, sinkt der Wert. Ist der Counter im Minusbereich angekommen, wird man  vor den schnurrenden Henker gebracht und glauben Sie mir. Dem Typen wollen Sie keinesfalls begegnen."
„Schnurrender Henker?“, wiederhole ich schluckend. Unweigerlich muss ich auf das Konstrukt starren, was die beiden Herren eine Reihe hinter uns so euphorisch als Henkerstuhl betitelt haben und ich als harmlose Requisite abstempeln wollte. Wow. Ich hoffe Dantes diabolischer Plan lässt uns nicht im Stich.
„Wollen wir anfangen? Ich werde ihnen heute zeigen, wie wundervoll Amputationen sind, … Es ist eine KUNST! Es ist MEINE Kunst! Mein Herzblut… Die Messer sind scharf, die Klingen brennen. Mein Name ist Doktor, für die, die mich noch nicht kennen.“
Ein Applaus fegt durch die Arena. Kurz darauf rieselt klassische Piano Musik aus den Lautsprecherboxen.
"Kristy! Wo ist mein Patient?"
Zwei hünenhafte Männer bugsieren eine Krankenhaustrage, auf der jemand zu liegen scheint, aus einem der Container und hieven sie auf die Bühne. Ein Dritter springt mit einem großen Jutesack über der Schulter hinterher und legt diesen, oben angekommen, sachte auf dem Boden ab. Die Kameralinsen werden auf den Jutesack gerichtet. Dieser fängt an sich zu bewegen, als würde das, was sich darin befindet, versuchen sich mühsam freizukämpfen. Zappelnd kommt etwas zum Vorschein, was mir den Atem stocken lässt. Eine kleinwüchsige Frau mit strähnigen, blonden Haaren und einem so deformierten Gesicht, das aussieht, als hätte man es mit Absicht so zugerichtet. Ein Auge sitzt viel tiefer als das andere und ist trüb. Der Mund ist mit Schnitten versehen. Ein Teil der Oberlippe fehlt und offenbart ein Gebiss mit spitzen geschliffenen Zähnen. Die Nase wirkt, als ob sie mehr als einmal gebrochen worden ist. Aber das, was mir wirklich das Blut in den Adern gefrieren lässt, ist ihr nackter und verstümmelter Torso. Arme sowie Beine wurden ihr bis zu den Ellbogen und Knien amputiert. Die Frau, oder das Ding, zu dem man sie gemacht hat, muss sich auf schlecht verheilten und vernarbten Stümpfen fortbewegen.
Der Mann, der den Jutesack getragen hat, geht in die Knie und holt ein Seil aus dem Sack hervor. Er bindet das Seil um den Bauch der Frau und befestigt das andere Ende an der Trage. Wie auf Kommando robbt die Gestalt im Schneckentempo auf ihren Stümpfen schwerfällig über die glatte Bühnenoberfläche auf den Doktor zu und zieht hinter sich die Trage her. Der Anblick ist so schockierend, dass ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll.
„Danke Kristy“, begrüßt der Doktor das arme Ding, geht in die Hocke und löst das Seil um ihre Hüfte. Liebevoll streichelt er ihr über den Kopf. Etwas, das  aussieht wie ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus.
Auf der Trage erwacht derweil die Person, die bisher unter einem schwarzen Plastiklaken verborgen war, zum Leben. Wild windend versucht, wer auch immer auf dieser Bare liegt, sich mit mässig Erfolg aus dem Staub zu machen.
Strahlend richtet sich der Doktor auf und widmet sich dem Pechvogel. „Ich werde dich jetzt operieren zappelndes Opfer aus irgendeiner Bar. Hmmm, ... Was steht heute auf der Tagesordnung? AH JA! TOTALE AUSWEIDUNG!“
Lachend reißt er den Plastiküberzug mit einem Ruck herunter und gewährt uns einen Blick auf seinen ‚Patienten“. Unzählige Fesseln halten den komplett verängstigen und verschwitzten Mann an Ort und Stelle. Seine Augen sind weit aufgerissen, als er in das grinsende Gesicht des Doktors sieht und hätte er keinen Knebel im Mund, hätte er bestimmt laut losgeschrien. Der Mann ist ungefähr in meinem Alter, kahlgeschoren, hat einen moccafarbenen Hautton, was vermuten lässt, dass er aus der Umgebung hier stammen könnte. Sein ganzer Körper ist unbehaart, nackt und bis auf die Druckstellen der Fesseln noch unversehrt.
„Kristy? Wo sind die Nadeln? Bring deinem Herrn und Meister sein Werkzeug!“, herrscht der Doktor ungeduldig die kleine Frau zu seinen Füssen an. Diese schaut kurz zu ihm hoch und krabbelt so schnell wie es ihre Stümpfe zulassen über den Boden auf den Mann zu, der sie im Jutesack auf die Bühne geholt hatte. Kaum beim Ziel angekommen, hievt ein anderer Kerl einen Koffer aus dem Container und reicht diesen nach oben. Der Jutesack-Kerl bindet sogleich den auf Rollen fahrenden Koffer um den Torso von Kristy, die daraufhin wie ein fleißiges Bienchen zurück zu ihrem Chef kriecht. Voller Begeisterung beugt sich der Doktor über den Koffer und nimmt ihn entgegen. „Einen Applaus für meine wunderschöne, verstümmelte Assistentin!“
Vorsichtig hebt er seine Assistentin in die Höhe und gibt ihr einen Kuss auf den unschönen Mund und als wäre das nicht genug, setzt er sie daraufhin zwischen die gefesselten Beine des Mannes auf der Liege und fängt an, über einen ihrer Stümpfe zu streicheln.
„Mmhh.. Kristy… mein Liebling, meine Schöne, mein Licht, mein Zauber, … Hat sie nicht einen wunderschönen Stumpf? Mmmh… oh ja… Es gibt nichts Heißeres als ein perfekt abgetrenntes Bein.“ Der Mann auf der Liege wird daraufhin noch panischer und stemmt sich voller Wucht gegen seine Fesseln. Ich kann es ihm nachempfinden. Vor Augen zu sehen, was einen gleich erwarten wird, muss die Hölle auf Erden sein. Besonders wenn man sich nicht wehren kann.
Dem Doktor scheinen seine Bemühungen auch nicht entgangen zu sein. Genussvoll lehnt er sich über sein Opfer bis die Nasespitzen der beiden beinahe miteinander kuscheln.
„Oh ja bitte, wehre dich, ich habe eine Ewigkeit Zeit, dein Fleisch kennenzulernen.“ Ein leises, verheißungsvolles Knurren verlässt seine Kehle.
„Ich habe leider kein Betäubungsmittel dabei, ….Was für ein Jammer. Aber ich bin mir sicher, du wirst es trotzdem genauso sehr genießen können, wie ich. Oh… nicht weinen. Tränen sind Verschwendung kostbaren Leidens!“
Einzelne Tränen kullern über das Gesicht des Mannes. Ich merke, wie sich ein Knoten in meinem Magen bildet. Ich würde ihm so gerne aus der Patsche helfen. Angespannt schaue ich kurz zu Dante herüber, der die Ruhe selbst ist. Total gelassen sitzt er in seinem Stuhl, als ob wir gerade in einem Kino sitzen und uns irgendeinen billigen Horrorfilm zusammen ansehen. Fehlt nur noch die Packung Popcorn und eine Flasche Pepsi.
Als ich meinen Blick wieder auf die Bühne richte, hat der Doktor angefangen, sein Werkzeug auf dem Boden auszubreiten und diverse Fläschchen mit Flüssigkeiten aufzustellen. Kristy passt derweil mit Adleraugen auf den armen Kerl auf der Liege auf.
Der Chat neben der Kameraübertragung füllt sich allmählich mit Kommentaren, die Jenseits von Gut und Böse sind und auch der Counter ist gestiegen und steht nun auf 1500 Dollar. Diverse Wünsche werden geäußert. Wünsche wie der, dass Kristy bei der Operation zusehen soll oder der Kuss auf den Mund. Ein noch offener Wunsch ist so widerlich, dass ich hoffe, der Doktor besitzt genug Anstand, diesen nicht durchzuführen. Und wenn doch, werde ich mir die Augen definitiv auskratzen müssen. Ich will nicht sehen, wie einer von Kristys Stümpfen in den Körperöffnungen von diesem Mann verschwindet.
„Wissen sie, was ich immer wieder faszinierend finde? Eine gute Amputation hat sehr viel gemeinsam mit so etwas Banalem wie zum Beispiel Kochen. Es ist ganz einfach. Haben Sie schon mal ein Hähnchen zubereitet? Das Wichtigste ist, dass ihre Utensilien sauber und geschliffen sind. Das ist schon mal die halbe Miete. Wenn ihr Werkzeug bereit liegt, müssen sie den Vogel erstmal Waschen. Das ist Schritt 1. Sauberkeit ist wichtig. Sie wollen sich ja nichts einfangen. Gewaschen ist unser Patient schon. Schritt 2, sie entfernen alles, was überflüssig ist und sie nicht essen wollen. In unserem Fall habe ich aus ästhetischen Gründen unseren Patienten einer einfachen Rasur unterzogen. Nun kommen wir auch schon zu Schritt 3. Der Marinade.“ Die Mundwinkel des Doktors schießen nach oben und die Freude steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Mit flinken Fingern schraubt er an einem der Fläschchen auf dem Boden herum. Großflächig verteilt er die braune, zähflüssige Masse auf dem zuckenden Körper des Mannes auf der Liege. Prompt steigt das Zuschauervoting an.
„Meine russischen Genossen verwenden dafür irgendeinen billigen Fusel, aber wir sind privilegierter. Mmmhh.. sieht das nicht herrlich aus.“ Ein kurzer Blick nach hinten auf den Bildschirm und das Grinsen wird breiter. Der nächste Zuschauerwunsch wartet ungeduldig darauf, erfüllt zu werden.
„Wo sind meine Manieren, … ich habe ihnen noch gar nicht mein strampelndes Opfer vorgestellt. Moment, das haben wir gleich.“
Der Knebel wird entfernt und durch die flache Hand vom Doktor ersetzt. Unverständliche Laute dringen durch die Lautsprecherboxen und kommen kaum gegen die Musik an. Kopfschüttelnd betrachtet der Doktor den armen Kerl, dann gibt er seiner Assistentin ein Zeichen und hält drei Finger seiner freien Hand hoch.
„Wie ist dein Name?“
Ruckartig verlässt die Hand des Doktors den Mund des Patienten. Zeitgleich bohren sich Kristys spitze Zähne in das Bein links von ihr. Ein lauter, qualvoller Schrei zischt durch die Arena. Das Publikum jubelt.
„Ohh… Ahhhh!“, äfft der Doktor den armen Kerl auf der Liege nach und zieht dabei eine Fratze. „Ist das etwa dein Name?“
Ehe der Mann eine Antwort liefern kann, beißt Kristy beherzt noch einmal zu. Ein weiterer Schrei schleicht sich aus der Kehle und verebbt erst, als ein dritter Biss folgt. „Es tut mir leid, ich kann dich nicht hören. Kannst du deinen Namen für mich wiederholen?“, witzelt der Doktor und bückt sich zu seinem Opfer hinunter.
„Lass mich frei, du verdammter Wichser!“
„Oh, verstehe, …na wenn das so ist….Meine Damen, meine Herren, darf ich vorstellen? Das ist Ohhh-Ahhh-Lass-mich-frei-du-verdammter-Wichser. Begrüßen sie ihn bitte einmal freundlich. …Und entschuldigen sie sein ungezügeltes Verhalten. Er ist etwas…. nervös.“ Lachend manövriert der Doktor den Knebel wieder in den Mund des Patienten und widmet sich dem Messer- und Werkzeugset auf dem Boden. Mit einer Gelassenheit begutachtet er jedes einzelne Stück aufs Genaueste und säubert motiviert ein paar der Klingen mit seinem blutverschmierten OP-Kittel.
Währenddessen eilt ein weiterer Assistent, mit Lederband bewaffnet, auf die Bühne und fängt an, die Gliedmaßen  von „Lass-mich-frei-du-verdammter Wichser“ wie ein Profi abzubinden. Allein ein Blick in das Gesicht des armen Kerls auf der Liege reicht aus, um sich vorzustellen, wie unangenehm diese Prozedur für ihn sein muss.
„Unser Patient ist nun bereit, zerteilt, zerstückelt und serviert zu werden. Fangen wir mit der Operation an.“
Ohne Erbarmen landet das erste Messer im linken Arm des Mannes. Mit ein paar schnellen Handgriffen werden rundherum ein paar Schnitte gesetzt. Blut fließt wie ein Wasserfall auf die Liege. Sollte das so stark bluten? Ich kenne mich mit Amputationen nicht aus, aber das sieht nicht gut aus. Ganz und gar nicht gut.
Hastig tupft der Doktor mit seinem Kittel über die blutenden Stellen. Der Stoff saugt sich innerhalb kürzester Zeit voll und wird beiläufig etwas verlegen ausgewrungen. Der Doktor legt das Schneidwerkzeug zur Seite und beginnt mit Faden und Nadel  im Fleisch des Patienten herum zu stochern. Als der Knochen gut sichtbar für alle Zuschauer freigelegt ist, kommt die Knochensäge zum Einsatz. Ritsch, ratsch, ritsch, ratsch. Die Augenlider des Opfers flattern bei jeder Vor- und Rückwärtsbewegung. Kristy wackelt fröhlich synchron zu der Säge ihres Meisters. Was zugegeben etwas lächerlich aussieht, aber die Brutalität des Doktors keinesfalls mindert. Als der Knochen nach gefühlt einer Ewigkeit durch ist, fällt der Arm leblos zu Boden. Die Säge weicht Nadel und Faden. Geschickt hantiert der Doktor mit den übrig gebliebenen Hautfetzen und fängt an, zu nähen. Schnell, mit so einem Tempo, dass meine Augen beinahe nicht folgen können.
Der Körper des Patienten zuckt, als würden unzählige Elektrostöße durch ihn hinwegfegen. Ich realisiere erst, dass mir der Mund offen steht, als Dante mir mit einem Finger gegen das Kinn tippt.
„Sie sehen aus, als hätten Sie Hunger, Nathan?“, scherzt er, aber ich ignoriere ihn und starre weiter fassungslos auf das Geschehen auf der Bühne.
„Was für ein schöner Stumpf! Als Feinschmecker mag ich mein Fleisch blutig. Kristy, mein Liebling, hast du Hunger?“
Der Doktor lässt von dem Patienten ab und bückt sich nach dem Arm. Glücklich winkt er ein paar Mal damit herum und reicht ihn anschliessend seiner Assistentin, die sich wie ein Piranha darauf stürzt.  Während Kristy mampft, kommt Assistent Nummer 2 mit einer Mappe in der Hand zurück, öffnet diese und präsentiert uns ein Set voll mit Spritzen. Eine davon landet sogleich im Nacken von dem mittlerweile regungslosen Patienten. Panisch öffnen sich seine Augen. Orientierungslos schaut er in alle Richtungen und als sein Blick zwischen seine Beine fällt, hört man Kristy kreischen. Eine andere Flüssigkeit als Blut tropft von der Liege herunter und ich muss kein Doktor sein, um zu begreifen, dass der Mann sich vor Angst eingenässt hat. Verdammt, er tut mir so leid.
„Menschen sind so widerlich, aber sie schmecken einfach so köstlich.“ Ein leises Seufzen raunt durch die Lautsprecherboxen. Der Doktor widmet sich wieder seinem Messerset auf dem Boden und bringt es außer Reichweite von Blut und Urin. Diesen Moment nutzt Kristy und lässt vom Arm ab. Mit mühseligen Bewegungen klettert sie auf den Bauch des Patienten. Schwankend versucht sie das Gleichgewicht zu halten, was ihr anfangs nur minder gelingt.
„Wollen wir mit unserem Festmahl fortfahren? Seine Qualen werden selbst in der Hölle zur Legende werden!“
Mit diesen Worten widmet sich der Doktor dem rechten Bein des Patienten und wiederholt, was er zuvor schon beim Arm getan hat. Dieses Mal lässt er sich mehr Zeit und arbeitet sich von Fuß bis Oberschenkel hoch. Erst entfernt er vier der zehn Zehen und katapultiert drei davon ins gefräßige Publikum. Ein Zeh steckt er sich selbst in den Mund und zweckentfremdet diesen als morbides Lutschbonbon. Assistent 2 gibt sich alle Mühe, den Patienten am Leben zu halten. Sei es mit Spritzen oder Blutbeutel. Das ganze Arsenal wird aufgefahren. Das ist die wohl abgefuckste Greys-Anatomy-Folge, der ich jemals ungewollt beiwohnen musste.
Als der Doktor Arm Zwei in Angriff nimmt, kollabiert der Patient und zwei Typen rennen mit einem Defibrillator auf die Bühne. Strom schießt durch den schwer zugerichteten Körper. Immer und immer wieder. Das schmerzverzerrte, hoffnungslose Gesicht vom Patienten brennt sich direkt in meine Seele. Und wenn eine Sache sicher ist, ist es die, dass ich diesen Anblick niemals wieder vergessen werde.
Als nur noch Torso und Kopf übrig sind und der Rest vom Patienten lieblos um die Liege verteilt, stoppt der Doktor die Malträtierung und legt Messer sowie Säge zur Seite. Grinsend nimmt er sich Zeit, die abscheulichen Wünsche, die den Chat überwuchern, zu überfliegen. Dabei ist er wohl über einen ganz besonders ekelhaften Wunsch gestolpert zu sein. Seine Lippen kräuseln sich.
„Ich möchte die kurze Abwesenheit unseres Patienten nutzen, um über meine innige Beziehung zu Kristy zu sprechen. Wir waren nicht immer so vertraut. Im Gegenteil. Kristy war, als sie noch im Besitz all ihrer Gliedmaßen war, ein ziemlich widerspenstiges und ungehorsames Mädchen. Sie wollte mir nicht gehorchen. Sie wollte sich nicht fügen. Ich habe irgendwann aufgehört mitzuzählen, wie oft wie versucht hat mich zu verlassen. Ständig wollte sie fliehen. Kaum war eine Fessel zu locker, nutzte sie die Gelegenheit und büxte aus. Einmal, daran kann ich mich noch gut erinnern, hat sie es sogar bis vor die Haustür geschafft und wollte sich einfach nicht mehr einfangen lassen. Wir sind durch den Wald gerannt und als ich sie endlich eingeholt hatte, hat sie geschrien, gestrampelt und sich mit Händen und Füssen gewehrt, bis die Betäubung wieder für Ordnung gesorgt hat. Das war eine Prozedur.“ Der Doktor seufzt theatralisch auf.
„ Ich kann von Glück sprechen, keine Nachbarn in unmittelbarer Nähe zu haben. Kristy war ein wahrer Wildfang. Ein wunderschönes Mädchen. Aber Fleisch muss man zähmen. Fleisch muss man formen. Die ewig währende Liebe, die uns verbindet, kann keiner mehr zerstören. Manchmal muss man erst wehrlos gemacht werden, um zu sehen und zu begreifen, was für ein unendlicher Segen es ist, jemandem komplett ausgeliefert zu sein. Ich liebe diesen kleinen Moment, zwischen Verzweiflung und Akzeptanz. Aber wenn ich weiter ausschweife, kann ich für nichts garantieren. Und ein Doktor sollte stets die Hände am Skalpell und nicht in der Hose haben. Möge sich ein freiwilliger aus dem Publikum melden, um diesen Patienten endgültig seiner Ehre zu berauben. Probieren sie es aus. Es ist so schöööön, wenn sie sich nicht mehr wehren können.“
Die Worte des Doktors hallen durch meinen Verstand, während die rege Beteiligung des Publikums mich erschüttert. Mehrere Freiwillige heben bereitwillig ihre Hände in die Höhe. Der Doktor wählt nach dem Zufallsprinzip und schliesst die Augen. Eine halbe Umdrehung  und sein ausgestreckter Finger zeigt auf einen Mann in meiner Altersklasse. Ein Handlanger begleitet ihn kurzerhand auf die Bühne.
„Wie heissen Sie?“, fragt der Doktor den Auserwählten und reicht ihm die blutverschmierte Hand.
„Walter.“
„Sehr gut, ich hab sie gefunden. Aber sie tragen keinen Ringelpullover.“
„Nette Anspielung“, antwortet Walter knapp und öffnet unaufgefordert den Reissverschluss seiner Hose.
„Können sie es gar nicht abwarten, Walter?“
„Geduld war noch nie meine Stärke.“
„Dann wünsche ich ihnen viel Spass und einen guten Ritt, edler Reiter.“
Mit einer ausladenden Handgeste macht der Doktor den Weg frei für Walter. Die Hose landet auf dem Boden. Kristy bringt sich bei ihrem Meister in Sicherheit. Des Weiteren wird sich darum bemüht, den Patienten aus seinem Delirium zurück in die bittere Realität zu befördern. Nur mühselig öffnet er die Augen, wirkt apathisch und verloren. Walter beginnt unverfroren den widerlichen Wunsch aus dem Chat mit vollem Körpereinsatz zu erfüllen.
Verzweifelt versuche ich die Geräusche, die durch die Lautsprecherboxen hallen, auszublenden und halte mit den Händen meine Ohren  zu. „Ich ertrage das nicht“, sage ich mehr zu mir selbst, als zu irgendjemandem sonst und schliesse die Augen. „Scheisse, das passiert doch gerade nicht wirklich. Verdammt. Das… das ist….das muss ein verdammter Albtraum sein.“
Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, in dieser Situation zu sein. Geistig da, aber körperlich gefangen. Zum Henker, ich würde solange versuchen die Luft anzuhalten, bis ich ersticke. Lieber sterben, als sowas über mich ergehen zu lassen.  Ob Kristy es versucht hat? Hat sie versucht zu sterben, bevor sie zu diesem… Ding gemacht worden ist? Zu seiner willigen Sklavin? Zu seiner verdammten Marionette?
Aus heiterem Himmel verspüre ich einen kleinen Schmerz in meinem Oberarm. Dante hat mich gekniffen.
„Kein Traum, Nathan. Sie sind wach.“
„Danke, Arschloch.“
„Für sie jederzeit.“
„Bitte lenk mich ab“, sage ich flehentlich und richte meine Aufmerksamkeit auf meinen Sitznachbar, der wieder einmal gelassen sein Frechdachsgrinsen grinst.
„Wie sie wünschen, was für eine Art Ablenkung schwebt Ihnen denn vor, Nathan?“
„Erzähl mir von dir. Erzähl mir irgendetwas. Bitte.“
„Nun fordern Sie mich aber heraus. Was könnte ich Ihnen denn von mir erzählen, was sie so sehr von dem fröhlichen Treiben dort unten ablenkt und sie völlig vergessen lässt, was gerade um Sie herum geschieht? Geben sie mir eine Sekunde. Oh….  Ich habe ihnen doch von Daddys kleiner Sammlung erzählt. Sie können sich gar nicht vorstellen, wieviel Arbeit dahinter steckt. Es ist eine regelrechte Herausforderung, die passende musikalische Untermalung für jedes einzelne, selbst gedrehte Filmchen zu finden. Und wissen sie warum? Sie müssen jeden Streifen solange vor und zurückspulen, bis die Musik wirklich an jeder Stelle auf die Sekunde sitzt.“
Ich ziehe verwirrt eine Augenbraue in die Höhe.
„Was? Von was zum Teufel redest du?“
„Nehmen wir mal an, sie drehen für das Familienalbum ein kleines Video mit Ihrem Sohn und ihnen in der Hauptrolle. Nun verraten sie mir, wie würden sie diesen skandalösen Akt der Liebe musikalisch untermauern? Und bedenken sie, es geht um ihre heilige Sammlung über die sie überaus stolz sind. Also wählen sie weise.“
Gerade als ich zum sprechen ansetzen will, hält Dante mir einen Finger auf die Lippen. „Warten sie, lassen sie mich raten. Sie sind doch so ein ganz harter Kerl, zumindest was ihren musikalischen Geschmack betrifft. Sie bevorzugen bestimmt  zum ‘Hämmern’ schlagkräftige Trommelhiebe und harte Gitarrenriffs. Oder nein, vielleicht täusche ich mich und sie sind, wenn es um das Thema Sex geht, eher der jazzige Typ?  Vielleicht sind sie auch ein Komiker und mögen dazu klassische Disneymusik. Passt schliesslich immer,... bei Kindern.“
Meine Kinnlade brettert erschüttert zu Boden.
„Bist du bescheuert? Ich würde niemals nie und nie im Leben mit meinem Sohn ein verdammtes Filmchen drehen. Du solltest mich ablenken und nicht foltern.“, keife ich Dante an, der nicht einmal eine Miene verzieht.
„Seien Sie nicht gleich so bissig, Nathan. Gut, wie sie wollen. Zweiter Versuch.  Wie wäre es mit einer kleinen Geschichte? Haben Sie Bock? Natürlich haben Sie Bock. Bei uns Zuhause gibt es ein Zimmer mit einem vielversprechenden Namen. Wir nennen es ganz klassisch ‘das Partyzimmer’. Es ist ein ganz besonderes Zimmer für ganz besondere Anlässe. Und wissen Sie, man gewöhnt sich an das, was dort drin so passiert. Man arrangiert sich auch irgendwann damit, das Räumchen zu putzen, sobald die Sache erledigt ist. Eines Tages, ich glaube ich war zu diesem Zeitpunkt zarte 14 Jahre alt, ist ein Schulfreund vorbeigekommen. Und mein Schulfreund war ziemlich neugierig und das Zimmer ziemlich Tabu. Er hat die Tür in einem unbeobachteten Moment einfach so, als wäre es nichts, geöffnet, und das obwohl ich es ihm verboten hatte. Wahrscheinlich hat er gehofft Alkohol darin vorzufinden. Er ist mit  einer solchen Selbstverständlichkeit reingegangen und hat sich umgesehen. Ich meine, warum auch nicht. Es ist schließlich nur ein Zimmer mit einem vielversprechenden Namen. Und obwohl nichts in diesen vier Wänden darauf hinweise könnte, was dort drin getrieben wird, war dieser klitzekleine Augenblick von meinem Schulfreund in diesem Zimmer schlimmer, als alles, was jemals dort drin vorgefallen ist. Ziemlich verkorkst oder?“
Dantes Wangen röten sich, während er den Blick senkt, um mir nicht in die Augen blicken zu müssen.
„Ich weiss gar nicht, was ich dazu sagen soll…“
„Denken Sie nun schlecht von mir, Nathan?“, erwidert Dante leise.
„Quatsch, natürlich nicht, Scheisse. Warum zur Hölle hast du das jahrelang mit dir machen lassen?“
„Vielleicht hat es mir gefallen?“
Verschmitzt lächelt er mich an und genießt sichtlich meinen schockierten Gesichtsausdruck.
„Im Ernst jetzt? Darüber macht man keine Witze, Arschloch.“
„Nö, nicht im Ernst, mein Daddy in mir. Hab ich ihnen doch gerade versucht durch die Blume zu verklickern. Mensch Nathan, Sie passen ja gar nicht auf, wenn ich Ihnen etwas erzähle!“
„Alter…. Du bist… am liebsten würde ich dich…“
Meine Hand ballt sich zu einer Faust. Der altbekannte Drang Dantes Kehle mit meinen Händen zu traktieren, meldet sich zurück.
„Ich veräpple Sie doch nur. Oder vielleicht auch nicht? Oh schauen Sie, er ist zum Höhepunkt gekommen!“
Automatisch folgt mein Blick Dantes Hand, die auf das Geschehen auf der Bühne zeigt. Walter hoppst gerade befriedigt vom Podium und der Doktor hat wieder sein Werkzeug zwischen den Fingern.
„Sie können sich später bedanken, dass ich Sie so gut abgelenkt habe“, flötet Dante und lehnt sich lässig in seinem Stuhl zurück.
Ein leises, äußerst angepisstes „Arschloch“ kommt mir über die Lippen und entlockt Dante ein mädchenhaftes Kichern.
Der Doktor schwingt sein Skalpell und setzt zum finalen Schnitt an. Wie durch Butter gleitet die scharfe Klinge durch den Torso des Patienten und gewährt einen tiefen Einblick in das, was bisher verborgen war. Ein letzter qualvoller Schrei schrillt durch die Arena, als der Doktor seine Hände samt Werkzeug im Patienten versenkt. Die Hautlappen werden voneinander gespreizt. Der Doktor reisst ruckartig etwas aus dem Brustkorb heraus. Strahlend wie ein Honigkuchenpferd hält er das Entrissene in die Luft. Ein Kameramann kommt mit seiner Linse näher. Auf dem großen Bildschirm kann man erkennen, was es ist. Es ist das Herz. Das immer noch pulsierende Herz des reglosen Patienten.
„Komm mein Liebling, meine Sonne, mein Mondlicht. Das Beste nur für dich“, säuselt der Doktor, geht in die Knie und reicht das Herz Kristy. Mit einem Happs verschwindet ein Teil des Organ im alles verschlingenden Schlund. Den Rest wirft er achtlos über die Bühne.
Triumphierend hält er seine Assistentin in die Höhe und stellt sie der Menge zur Show wie Rafiki Simba in König der Löwen. Tränen voller Stolz kullern über die Wangen des Doktors. Applaus strömt durch von den Rängen. Die Show ist vorbei und das Licht geht aus.


Wenig später rollt das Putzkommando heran, um zu entsorgen, was es zu entsorgen gibt. Mexikanische Musik begleitet das hektische hin und her wischen der Frauen. Sprachlos beobachte ich, wie der Patient von der Liege in einen überdimensionalen Müllsack gleitet und dieser daraufhin in einer Mülltonne auf Rollen verschwindet. Einer der Handlanger sammelt die restlichen angefressenen Körperteile auf und verteilt diese an interessierte Leute aus dem Publikum. Wohin Doktor und Kristy verschwunden sind, ist mir schleierhaft. Vermutlich sind sie von der Bühne gegangen, als das Licht aus war. Wie viele Punkte der Doktor insgesamt gesammelt hat und wie viele Wünsche erfüllt worden sind, habe ich total ausgeblendet. Wahrscheinlich hätte ich mehr darauf achten sollen. Ich habe immer noch keine Vorstellung davon, was Dante von mir auf dieser Bühne erwartet und ich bin ganz und gar nicht willig, die hässlichen und perversen Wünsche anderer zu erfüllen.
Es rumpelt aus einem der Container, woraufhin die Putzfrauen zusammenpacken und aus der Arena flitzen. Und mit ihrem Verschwinden verstummt auch die Musik.
Ein Vollmond mit kindlichem Gesicht erscheint auf dem Bildschirm. Ein lautloser Countdown wird abgespielt und als dieser bei 0 angelangt ist, wird das Licht gedimmt.
Zwei Gestalten in Ganzkörper-Kostümen betreten die Bühne. Schlagartig blitzt eine Erinnerung auf. Die Beiden sehen exakt so aus, wie die zwei Bananen aus Bananas in Pyjamas. Die Kinderserie lief mal vor etlichen Jahren morgens immer zur gleichen Uhrzeit im Fernsehen. Woher ich das weiß? Ich hatte damals eine schlimme Phase, in der ich mir von morgens früh bis abends spät Kindersendungen reingezogen habe. Wobei ich zu meiner Verteidigung sagen muss, dass die Phase nicht lange angehalten hat. Zum Glück.
„Sie sehen aus, als hätten sie einen Geist gesehen, Nathan“, scherzt Dante und knufft mich in die Seite.
„Das sind die verdammten Bananas in Pyjamas!“, erwidere ich ehrfürchtig, als würde der Allmächtige persönlich auf der Bühne stehen.
„Das sind zwei Vollidioten in billigen Kostümen.“
„Nein, Bananas in Pyjamas. Kennst du die Serie nicht? Moment... wie ging nochmal die Melodie.“ Ich überlege kurz. „Bananas in Pyjamas sind lustig anzusehen. Bananas in Pyjamas zwei die sich gut verstehen. Bananas in Pyjamas wollen Teddys necken gehen. Alle haben großen Spaß, ihr werdet das schon sehen.“ Erwartungsvoll schaue ich rüber zu Dante, aber dieser zeigt mir nur den Vogel.
„Nathan, eventuell sollten Sie eine Therapie in Erwägung ziehen.“
„Das ist ein Klassiker“, erwidere ich murrend und bin froh, als einer der Bananas mich aus dieser minimal peinlichen Diskussion erlöst.
„Test, Test… ist das Ding an?“, die Banane tippt gegen das Standmikrophon und ein Störgeräusch rauscht durch die Lautsprecher. Der Vollmond verschwindet von der Leinwand und wird durch die Kameraübertragung abgelöst. Schmales Scheinwerferlicht wird auf die Bananas gerichtet und leise Musik rieselt aus den Boxen.
„Ich bin B1 und das ist mein Bruder B2.  Einer von uns wird heute auf dieser Bühne Blutgeld für ein unverzeihliches Verbrechen zahlen. Der Rubel muss rollen. Denkst du auch, was ich denke, B2?“
Die andere Banane tritt vors Mikrophon. „Ich denke schon, B1!“
„Jetzt wird gefeiert!“, rufen beide Bananen im Chor und halten triumphierend die Hände hoch. Wow. Backflash. Das machen die Bananen in der verdammten Sendung auch.
Auf dem Bildschirm ist unerwartet die Hölle ausgebrochen. Geldbeträge werden auf B1 oder B2 gesetzt und landen in einem sündhaft hohen Bereich. Werden etwa Wetten abgeschlossen? Oder was hat das zu bedeuten?
Der Moderator Baphomet springt auf die Bühne und schüttelt einmal B1 und B2 abwechselnd die Hand. Ein weiterer Mann schließt sich dem Händeschüttel-Trio an. Meine Kehle schnürt sich zu. Alle Alarmglocken schrillen, als ich glaube, ihn an seinem massiven und Raubtier ähnlichen Gang wiederzuerkennen. Vielleicht bin zu getriggert, um klar denken zu können. Aber das muss er sein - der Rasenmähermann. In altmodischer Henkers Montur schreitet er stolz wie ein Löwe auf die Drei zu.
„Das ist mein Stichwort“, verkündet Dante und steht auf. Perplex schaue ich ihn an.
„Wie, was meinst du? Was für ein Stichwort?“
„Ich lasse sie allein, Nathan. Ich muss ein paar wichtige Dinge erledigen. Warten Sie hier auf mich und genießen Sie die Show, ich hole Sie wieder ab, sobald ich fertig bin. Und bitte zwingen Sie mich nicht, Ihr Hinterteil auf dem Stuhl festzukleben. Ausnahmsweise habe ich nicht daran gedacht, den UHU-Alleskleber für alle Fälle einzupacken. Also seien Sie ein Schatz und bleiben Sie brav sitzen. Übrigens, der sympathische Mann dort unten neben ihren Bananen ist der schnurrende Henker – mit dem ist nicht gut Kirschen essen.“
„Ich komme mit“, sage ich knapp und befinde mich schon im Aufbruch, als Dante mahnend nach meinem Arm greift.
„Sie bleiben sitzen und warten auf mich.“
„Ich will den Quatsch nicht sehen. Außerdem kannst du mich besser davon abhalten, Scheisse zu bauen, wenn ich bei dir bin. Na, wenn das kein einleuchtendes Argument ist, weiss ich auch nicht. Also los geht’s.“
„Das ist ein gutes Argument, Nathan. Ich unterbreite Ihnen ein viel besseres Angebot. Sie bleiben sitzen und sind brav und ich sorge dafür, dass sie lebendig und mit allen Extremitäten heil hier rauskommen. Klingt das nicht nach einem viel besseren Deal?“
Widerwillig sacke ich auf meinem Stuhl zusammen und hätte am liebsten im Strahl gekotzt. Ich habe absolut keinen Bock mehr.
„Dann hau halt ab und lass mich allein“
Gesagt, getan. Dante lässt meinen Arm los, schlängelt sich hektisch an ein paar Männern in unserer Sitzreihe vorbei und macht sich aus dem Staub. Hat es wohl eilig. Manchmal würde ich ja schon gerne wissen, was der Giftzwerg hinter meinem Rücken treibt.

Als ich wieder runter zu Baphomet und den Bananen schaue, hat sich der Henker bereits von der Gruppe abgesondert und sich zu dem Podest begeben, auf dem zuvor so liebevoll der Henkerstuhl drapiert worden ist. Das Ding sah vorher schon angsteinflößend aus, aber mit dem schaurigen Henker nebendran, ist Knieschlottern garantiert.

„Der liebliche Geruch von Vergeltung liegt in der Luft. Könnt ihr es riechen?“
Baphomet streckt seinen Kopf in die Höhe und linst neugierig zu der Bildschirmübertragung über ihm. Seine Mundwinkel wandern begeistert nach oben, als er die hohe Summe erblickt.
„Wie ich sehe, bedarf es keiner Erklärung. Der Rubel rollt bereits. Aber für die wenigen unter euch, die vielleicht zum ersten Mal unserer exklusiven und wunderschönen Veranstaltung beiwohnen und denen, die Verwirrung ins Gesicht geschrieben steht, an die möchte ich ein paar Worte richten. Die beiden Herren liefern sich gleich einen Wettkampf um Leben und Tod. Dem Gewinner wird die Schande, die er über uns gebracht hat, vorerst verziehen, und dem Verlierer…. Ich will nicht zu viel verraten. Aber ihr werdet es lieben.“
Die Schande, die er über uns gebracht hat? Die Worte hallen in meinen Gedanken wider. Was muss man tun, um Schande über… über wen eigentlich? Über die Painolympics? Über Viktor? Über Baphomet?
Baphomet reicht den beiden Bananen nochmal die Hand und verschwindet von der Bühne ohne eine weitere Erklärung abzuliefern.
„Wir spielen auf 3 und selbst wenn der Gewinner nach Runde 2 schon feststeht, wird zu Ende gespielt“, verkündet B1 und begibt sich in Position. B2 tut es ihm gleich. Nun stehen sich die beiden Herren mit etwas Abstand gegenüber. Das Ticken einer Uhr ist zu vernehmen. Ohne dass ich es steuern kann, beschleunigt sich mein Herzschlag und ich werde nervös.
Zwei Handlanger bauen ein tiefliegendes Volleyballnetz zwischen den Kontrahenten auf. Aus einem der Container wird ein babyblauer Kinderwagen gerollt, dieser wird kurzerhand auf die Bühne getragen und in der Mitte vor dem Netz abgestellt. Die Kameraübertragung weicht einem überdimensionalen Würfel. Die Zahl 4 wird ausgewürfelt. Der Würfel verschwindet und wird abgelöst durch eine Nahaufnahme vom Kinderwagen. Ich ahne Schlimmes, als B2 darauf zugeht und das, was zugedeckt darin liegt aus seinem Bettchen holt. Einer der Kameramänner zoomt auf das Etwas in der Hand der Banane. Ein Stein fällt mir vom Herzen, als ich erkenne, um was es sich handelt. Es ist nur eine Puppe. So eine, die bei Omas als Dekoration im Regal herumsteht und in Horrorfilmen Albträume auslöst. Die Puppe trägt ein Kleidchen in der gleichen Farbe des Kinderwagens. Sie hat blonde Haare und eine Haube auf dem Kopf. Das Gesicht sieht traurig aus, so als ahnt sie schon, was ihr gleich blüht.
B2 watschelt mitsamt Puppe zu der Stelle, an der er vorher gestanden hat. Es geht los. Die Puppe fliegt über das Netz und landet in den Händen von B1. Dieser pfeffert die Puppe zurück zu B2. Der fängt sie auf und schleudert sie direkt wieder über das Netz. So geht es weiter, bis B1 ins Stolpern kommt und die Puppe ihm beim Fangen aus den Fingern gleitet und neben ihm zu Bruch geht. Das Klirren des Porzellans fegt durch die Lautsprecher und ist so laut, dass ich mir die Ohren zuhalten muss. Nach einer kurzen Verschnaufpause wird ein zweiter Kinderwagen heran gerollt. Diesmal in der Farbe Orange. Die Prozedur wiederholt sich, nur dass diesmal B1 auf den Kinderwagen zugeht und etwas aus dem Bettchen holt. Bereitwillig hält er es in die Linse vom Kameramann. Ich muss schlucken. Ist das… nein. Gott sei Dank nicht. Wieder eine Puppe. Eine verdammt realistische Puppe. Eine dieser Babyborn-Dinger, die pinkeln können, wenn man sie füttert. Die Babypuppe trägt ein Kleidchen in der Farbe orange und dazu einen passenden Hut. B1 wackelt an seinen Platz zurück und das Spiel geht von vorne los. Die Puppe fliegt über das Netz in die Arme von B2. B2 wirft sie zurück zu B1. Nach ein paar Mal hin und her ist es B2, der das Gleichgewicht verliert, als er nach links hechtet, um die Puppe zu fangen und mitsamt Puppe zu Boden stürzt. Unentschieden. Das Ticken der Uhr fängt allmählich an, meinen Nerven richtig zuzusetzen und die Tatsache, dass ein dritter Kinderwagen, Farbe rosa, auf die Bühne gehievt wird, verstärkt das Gefühl in meiner Brust, dass dieses Spiel für Painolympic-Verhältnisse bisher viel zu harmlos war.
Gerade als B2 sich auf den Weg Richtung Kinderwagen schleppen will, taucht Baphomet auf und hält ihn davon ab. Die Banane verharrt brav an Ort und Stelle.
„Sehr schön, sehr schön. Wir haben ein Unentschieden. Auf diesen Augenblick habe ich gewartet und ihn sogar herbeigesehnt. Wird Zeit, das grosse Geheimnis zu lüften.“
Lachend beugt sich Baphomet über den Kinderwagen und schon bevor er es herausholt, hört man es leise weinen. Bitte nicht. Bitte bitte nicht.
Die Linse des Kameramanns erfasst das kleine Geschöpf in Baphomets Armen. Es ist eingewickelt in rosafarbene Tücher und sieht so zerbrechlich aus, wie die Porzellanpuppe aus Runde 1. In mir schnürt sich alles zusammen. Das können sie nicht machen. Das dürfen sie einfach nicht. Das ist falsch.
Als B2 realisiert, was er über das Volleyballnetz werfen soll, geht er in die Knie. Seine Fäuste schlagen auf den Boden ein.
“Das war so nicht ausgemacht!”, flucht er. “Ich kann das nicht! Nicht sie. Alles nur nicht sie.”
Er kennt das Baby?
“Was hast du denn gedacht? Das Babies auf Bäumen wachsen oder was? Buße muss weh tun, mein Kind. Wer Vergebung ersehnt, muss bereit sein, zu leiden.”, weist Baphomet, die geknickte Banane zurecht. “Wenn du gewinnst, kannst du ihr ja ein neues Baby machen. Und wenn nicht, tut es vielleicht dein Bruder für dich.”
Lachend geht Baphomet in die Knie und überreicht B2 das Baby. B1 rührt sich nicht vom Fleck und beobachtet ohne merkbare Regung das Geschehen. Es macht den Anschein, als würde ihm das bei weitem nicht so nahe gehen, wie seinem Bruder. Aber dadurch, dass man weder von B1 noch von B2 das Gesicht sehen kann, fällt es schwer, Emotionen herauszulesen.
“Du Hurensohn”, faucht B2 und richtet sich auf. Er drückt das kleine Wesen in seinen Armen fester an sich und läuft zurück zu seinem Platz.
“Bereit, wenn du es bist”, brüllt er zu seinem Bruder herüber. Das Beben in seiner Stimme tut so weh, dass ich den Drang verspüre, wie es Dante formulieren würde, den “Nathan raushängen” zu lassen. Fuck, irgendjemand muss etwas dagegen tun. Es kann mir keiner sagen, dass das Niemanden außer mir berührt.
“Ich gebe auf!”
B1’s Kapitulation kommt überraschend. Mit offenem Mund starre ich auf die Banane, die sich soeben bereit erklärt hat, ihr Leben gegen das des Babies zu geben. Und ich hätte ihn dafür küssen können. Immerhin einer, der genug Mumm hat, gegen diesen Wahnsinn vorzugehen.
“Du musst das nicht tun”, erwidert B2 leidend. Man hört ihn Schluchzen.
“Ist mir scheissegal. Nein. Ich gebe auf. Es ist vorbei. Abbrechen bitte.”
Baphomet schaltet sich ein und wedelt mit seinen Armen in der Luft herum. Die Kameras werden auf den Moderator gerichtet. Doch bevor dieser zu Wort kommt, wirft B2 unerwartet das Baby über das Netz.
In letzter Sekunde reagiert B1 und springt vor, um es aufzufangen. Das Baby schreit aus vollen Zügen und auch B2 bricht unter dem Druck zusammen. Seine Beine geben unter ihm nach und er schlägt unsanft auf dem Boden auf.
Als B1 das sieht, lässt er das Baby fallen. Für einen kurzen Augenblick verstummt das Weinen und bricht dann lauter als zuvor aus dem kleinen Geschöpf heraus. Das kleine rosa Bündel strampelt verzweifelt auf dem Boden herum und obwohl mir dieser Anblick die Seele aus dem Leib reisst, verspüre ich einen Anflug von Erleichterung. Es lebt. Es hat überlebt. Gott sei Dank.
“NEIN! Warum machst du das?” B2 krabbelt auf das Volleyballnetz zu. Seine Finger krümmen sich um das weisse Geflecht aus Seilen.
“Weil ich dich liebe”, sprudelt es aus B1 heraus.
“Wie Herz erweichend.” Baphomet läuft zielstrebig auf das Baby zu und inspiziert es. “Machs tot.”
“Was?”
“Mach es tot.”
“Warum?”
“Es hat Schaum vor dem Mund. Das Gift hat begonnen zu wirken. Entweder kurz und schmerzlos oder... “ Baphomet zuckt lässig mit den Schultern.
B1 bückt sich zu dem Baby herunter. Ich kann nicht erkennen, ob Baphomet lügt oder die Wahrheit sagt. Die Kameras halten sich von dem Baby fern. Wie gebannt starre ich auf B1 in der Hoffnung zumindest aus seiner Reaktion irgendetwas herauslesen zu können.
Seine Hände greifen in die rosafarbenen Tücher hinein und innerhalb eines einzigen Atemzugs packt er das unschuldige Lebewesen an seinen Beinen und schmettert es immer und immer wieder auf den harten Untergrund. Ich muss den Blick abwenden. Die Geräusche ausblenden. Es ist zuviel für mich. Verdammte Scheisse. Scheisse. Tränen steigen mir in die Augen und ein Gefühl von Schwerelosigkeit überkommt meinen Körper, als würde der ganze Boden unter mir zusammenbrechen.

Als es vorbei ist, vertreiben wilde Trommelschläge die alles verschlingende Stille. B2 wird unter Protest, heftig um sich schlagend, abgeführt. B1 trottet niedergeschlagen Richtung Podest, auf dem der Henker, ungeduldig die Knöchel reibend, in den Startlöchern steht. Baphomet begleitet den Verlierer auf seinem Weg ins Verderben und ist sichtlich quietschvergnügt über den Ausgang des Wettkampfes. Beim Henker angekommen, lässt sich die Banane bereitwillig die Schlinge um den Hals binden. Die Trommelschläge verlieren sich in der Unendlichkeit der Arena und werden durch sanfte, melodische Klänge abgelöst, die so gar nicht in die Situation passen. Zufrieden stellt sich Baphomet neben B1 auf und streckt beide Hände in die Höhe.
“Banzai!”, jodelt es enthusiastisch aus seinem breit grinsenden Mund. Die Hände fallen schwungvoll herunter und fliegen wiederholt in die Höhe.
“Banzai!”
“Banzai!”
Mit einem Ruck zieht der Henker am Ende des Seils und befördert B1 rasant in die Luft. Der ganze Körper zappelt und zuckt in der würgenden Schlinge. Ein katzenartiges Schnurren dringt durch die Lautsprecherboxen. Henker und Moderator geniessen offenkundig den Überlebenskampf der gepeinigten Banane. Diese widerlichen Hurensöhne.
“Banzai!”, strömt es jetzt auch aus der Kehle des Henkers und vermischt sich mit dem Röcheln des Gehängten.
“Banzai!”, im Duett.
“Banzai!”, abermals.
Als B1’s Körper aufgibt zu kämpfen und erschlafft, holt der Henker ohne eine Sekunde des Zögerns einen Säbel aus einer Truhe vor dem Podest und trennt mit einem gezielten Hieb der Banane den Kopf ab. Mit einem dumpfen Geräusch prallt der leblose Torso auf dem hölzernen Untergrund auf. Der Kopf rollt dem Henker direkt vor die Füße. Blut schießt in alle Himmelsrichtungen. Das Publikum tobt vor Begeisterung. Nur ich sitze da, als wäre ich im falschen Film und hätte gerade statt Pretty Woman das Texas Chainsaw Massacre vorgelegt bekommen.

“Einen heftigen Applaus für unseren heißgeliebten Henker!” Baphomet feuert die Menge an, obwohl dieses bereits inbrünstig applaudiert. Mexikanische Musik umschmiegt unsere Ohrmuscheln, als einer der Handlager mit einem Speer auf die Bühne stolziert und diesen sogleich dem Moderator reicht. Der spießt mit einem spitzbübischen Grinsen auf den Lippen den Kopf der Banane damit auf. Wie einen Pokal hält er seine Errungenschaft stolz in die Luft.

“Gerechtigkeit! Meine Freunde! Gerechtigkeit wurde getan!”, lässt er verlauten und wedelt mit dem aufgespießten Kopf triumphierend herum, während die Putzfrauen ihre Wischmöppe auspacken und sich um die Reste vom Verlierer und dem Baby kümmern. Da wohl selbst die Kameramänner nicht angetan sind, diese abscheuliche Szenerie abzufilmen, bleibt uns eine Nahaufnahme davon erspart. Wenn eine Sache sicher ist, ist es die, dass ich das, was soeben passiert ist, niemals wieder aus meinem Kopf kriegen werde. So etwas kann man nicht vergessen. Und vielleicht sollte es auch nicht vergessen werden. Ich wische mir mit dem Handrücken über meine Wange. Obwohl ich die Tränen mehrmals weggewischt habe, fühlt es sich so an, als würde jede einzelne davon noch immer auf meiner Haut brennen.
Die Putzfrauen wuseln wie fleißige Bienchen umher und verrichten ihr Werk. Eine hat Baphomet von seinem neuen Spielzeug getrennt. Pfahl mitsamt Kopf landet in einer blauen Mülltüte. Sonderlich betrübt ist der Besitzer des Pfahls aber nicht darüber. Im Gegenteil. Stattdessen vergnügt er sich mit dem Standmikrophon und schwingt sein Hinterteil passend zum Tempo der Musik von links nach rechts.
„Blut im Holz, das Herz voll Stolz. Sauber und steril, das hat Stil. Fleissig und phänomenal, hoch lebe unser Putzpersonal!“
Die Putzfrauen packen nach einer Weile ihr Zeug zusammen und machen Platz für vier muskelbepackte Handlanger in schwarzen Anzügen. Zwei der Männer balancieren eine riesige Truhe auf die Bühne, während ein Dritter einen Schlauch ausrollt und der Vierte einen riesigen Hammer neben dem Mikrophon ablegt. Die Kulisse wird in ein schummriges Licht getaucht.
„Ist der Tod nicht faszinierend? So unvorhersehbar und trotzdem begleitet er uns ein Leben lang. Denn ohne Tod kein Leben und ohne Leben kein Tod. Diese beiden Dinge gehen Hand in Hand miteinander einher. Sind sie Freunde? Feinde? Oder gar ein Liebespaar? Wer war zuerst da? Das Leben oder der Tod? Ein Thema über das man stundenlang philosophieren könnte. Wie gut, dass wir jemanden auf dieser Bühne begrüßen können, der sich sein ganzes Leben lang mit dem Tod und seiner Vielfältigkeit beschäftigt hat. Ein gern gesehener Gast und Spielgefährte. Geliebt und gehasst gleichermaßen. Ein Einzelgänger und doch ein Prophet. Er ist das leibhaftig gewordene Böse, ein schwarzer Messias! Es erfüllt mein dunkles Herz mit Freude die Legende live und in Farbe praktizieren zu sehen. Seine Methoden sind speziell. Sein Handwerk ist eine Kunst für sich. Man nennt ihn nicht umsonst den Picasso der Underground-Szene. Bühne frei für…… Trommelwirbel….. den Sensenmann!“

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