D. I. Organisation - Kapitel X Rollenspiel

kontroverse Geschichten 26. Sep. 2022

“Wir haben als Ruinen zusammengefunden. Wir waren richtige Bruchbuden, doch das, was zwischen uns ist, stellt jedes Schloss in den Schatten.”

Jeder hat mal einen beschissenen Tag. Und heute ist definitiv so ein Tag für mich. Ein klassischer Leckt-mich-doch-alle-mal-am-Arsch-Tag. Es grenzt schon an ein Wunder, dass ich den Arbeitstag rumgebracht habe, ohne jemanden zu töten oder selbst von einer Brücke zu springen. Wobei Option zwei immer noch wahnsinnig verlockend ist, angesichts der Tatsache, in was für Abgründe meine Gedanken heute bereits abgedriftet sind. Man mag mir zu Gute heißen, dass ich mir wenigstens die Mühe gemacht habe, Pro- und Kontra-Listen in meinem Kopf anzulegen, um Risiko sowie Konsequenzen abzuwägen. Man könnte fast schon meinen, ich wäre ein gutes Monster, aber der Schein trügt. Denn obwohl die Kontra Seite deutlich überwiegt, tue ich es trotzdem. Ja, ich tue es heute! Ich muss es einfach tun. Aus irgendeinem Grund hat mir V die Festplatte doch gegeben. Warum sie also nicht auch nutzen?

Ich schalte den Motor aus und hieve meinen Körper aus dem Auto. Auf dem Weg von der Parkgarage nach oben treffe ich auf V’s ‚Lieblingsoma', deren Name ich mir nie merken kann. Es ist die Oma mit der Hakennase, die gerne selbst gehäkelte Hauben trägt und eine Spur schrulliger ist als die anderen Omis im Wohnblock. Elisabeth? Gudrun? Kunigunde? Oder wie auch immer. Heute halte ich den Smalltalk mit der alten Dame relativ kurz, komme aber nicht drumherum, mir anhören zu müssen, dass die Keramik-Enten neben ihrem Fußabtreter wieder einmal auf mysteriöse Art und Weise verschwunden sind. Jede Wette, dass V die Enten geklaut hat, weil er von seinem Vorhaben, die Frau in den Wahnsinn zu treiben, einfach nicht ablassen kann?
Mitgefühl heuchelnd – es ist mir sowas von scheißegal, was mit den bescheuerten Keramik-Enten passiert ist - versichere ich Elisabeth, Gudrun oder Kunigunde nach den dummen Enten Ausschau zu halten und ziehe dann wie ein Tornado an der Oma vorbei.

Endlich bei der Wohnungstür angekommen, schicke ich ein Stoßgebet zu Gott und bete, dass ich die Wohnung ausnahmsweise ein paar Stunden für mich alleine haben werde. Bitte Allmächtiger, nur dieses eine Mal will ich Glück haben. Kaum habe ich die Tür aufgesperrt, erblicke ich Berti, Sissi und V im Wohnzimmer. OK. Nun ist es amtlich. Gott hasst mich und er missbilligt mein Vorhaben, was ich ihm nicht einmal verübeln kann. Schließlich sind meine Gedanken heute mehr als unchristlicher Natur gewesen. Sorry großer, alter Mann im Himmel dort oben, deine Schöpfung ist halt eben fehlerhaft und ich bin ein Paradebeispiel dafür. Klarer Fall von selbst schuld. Hättest du dir mal mehr Mühe gegeben, würden wir nun nicht in diesem Schlamassel festsitzen und ich würde nicht tun, was ich gleich tun werde.
Als ich wenig begeistert einen Fuß ins Wohnzimmer setze, linst V über den Rand des Buches in seiner Hand und mustert mich einmal neugierig von oben bis unten. Berti und Sissi sitzen neben ihm auf dem Sofa und schauen sich, dem melodischen Gesang aus dem Fernseher nach zu urteilen, irgendeinen Disneyfilm an. Ich werfe ein knappes „Hi“ als Begrüßung in die Runde und trete die Schuhe von meinen Füßen.
„Huhu! Magst du mitschauen?“, erkundigt sich Berti fröhlich und verweist mit einer Geste auf den freien Platz neben sich auf dem Sofa.
„Wir gucken Arielle die Meerjungfrau und du hast noch nicht viel verpasst!“
„Nee, danke“, lehne ich ab, hänge meine Jacke an der Garderobe auf und flüchte anschließend ins Bad. Die kalte Dusche tut gut, aber auch sie vermag es nicht, mich von meinem Vorhaben abzuhalten. Meine Gedanken kreisen pausenlos um diese Festplatte unter meinem Bett. Ich habe so lange durchgehalten, nie auch nur einen Blick riskiert, obwohl ich ganz genau weiß, was auf dieser Festplatte vorzufinden ist. Das Verlangen, endlich auf Erkundungstour zu gehen, war nie so verzehrend wie heute. Fuck. Ich bin so widerlich. Ja. Okay. Gut, diese Erkenntnis ist keineswegs neu. Trotzdem fühle ich mich abscheulicher als sonst und das Gefühl verstärkt sich ungemein, als ich im schwarzweiß-gestreiften Bademantel wie ein Schwerverbrecher und auf leisen Sohlen an den anderen vorbei in mein Zimmer schleiche.
Ich setze mich aufs Bett und hole blitzschnell, als würde mein Leben irgendwie davon abhängen, die Festplatte unter dem Bett hervor. Sobald meine Finger den sündhaften Datenträger berühren, werde ich augenblicklich hart zwischen den Beinen, weil ich weiß, was sich darauf befindet und ich schon den ganzen Tag richtig notgeil danach bin. Mein Körper kennt im Gegensatz zu meinem Verstand absolut keine Skrupel. Dem ist Moral und Ethik völlig egal. Der miese Verräter lässt mir gar keine andere Wahl, als dem Drang endlich nachzugehen und … Gerade als ich nach meinem Laptop auf der Kommode neben meinem Bett greifen will, klopft es an der Tür. Na super. Tolles Timing. Ganz tolles Timing. Sicherheitshalber ziehe ich den Bademantel etwas straffer um meine Hüfte, in der Hoffnung, meinen Ständer unter dem Stoff irgendwie verbergen zu können und lasse die Festplatte unter meinem Kopfkissen verschwinden.

„Ja?“, rufe ich in das leere Zimmer hinein und lausche angestrengt.
„Kann ich reinkommen?“, klingt es dumpf von der anderen Seite der Tür als Antwort zu mir herein.
Nein.
„Nur zu“, erwidere ich stattdessen und setze ein unschuldiges Alles-ist-absolut-in-Ordnung-ich-bin-brav-Lächeln auf, als die Türklinke herunter gedrückt wird. V betritt mein Zimmer und lässt die Tür wenig später hinter sich ins Schloss fallen, dann lehnt er sich entspannt mit dem Rücken dagegen und grinst mich an, als ahne er bereits, was ich im Schilde führe. Wir starren uns eine Weile wortlos an. Dabei stelle ich fest, dass es mir ganz und gar nicht gefällt, dass dieser Kerl meine einzige Fluchtmöglichkeit mit seinem Körper versperrt. Will ich abhauen, muss ich erst an ihm vorbei und irgendetwas sagt mir, dass dieses Szenario durchaus eintreten könnte.
„Warum heute?“, durchbricht V schlussendlich die Stille und lässt die Frage mit so viel Interpretationsspielraum achtlos im Raum stehen, als ob er nur darauf wartet, dass ich die Karten auf den Tisch lege und mich verrate. Netter Schachzug, du hinterhältiger Wichser. Ich weiss ganz genau, was du vor hast. Aber nicht mir mir. Dieses Spiel können zwei spielen. Du wirst mich heute nicht abhalten können. Hörst du, V? Heute nicht. Ich werde es tun, ganz egal wie falsch es ist. Ich lege den Kopf schief und beschließe mich einfach blöd zu stellen.
“Was meinst du?”
V’s  Mundwinkel hüpfen erquickt in die Höhe, während seine Augen jeden Winkel meines Zimmers absuchen. “Wo hast du sie versteckt?”
„Wonach suchst du?“, frage ich und mime immer noch den Dummen, obwohl ich bereits merke, dass ich auf verlorenem Posten kämpfe. V hat mich durchschaut. Er hat mich wahrscheinlich schon durchschaut, als ich zur Haustür hereingekommen bin. Keine Ahnung wie. Wahrscheinlich hat er einen siebten Sinn für sowas.  Aber egal wie die Sache hier ausgehen wird und wie verboten es ist, ich ziehe mir den Inhalt dieser F…
„Festplatte“, sagt V im selben Moment, als hätte er meine Gedanken gelesen und bringt mich damit völlig aus der Fassung. Zur Hölle mit ihm. Scheisse, verdammt.
„Kannst du Gedankenlesen oder so?“, knurre ich zwischen zusammengepressten Lippen heraus und gebe mich geschlagen. Dem Mistkerl kann man nichts vormachen. Unmöglich.
„Nein, aber Gewissensbisse sind mein Spezialgebiet.“
V löst sich von der Tür. Er kommt ein paar Schritte auf mich zu und setzt sich dann im Schneidersitz vor mir auf den Boden.
„Warum heute, Tim? Was ist passiert?“, fragt er und sieht erwartungsvoll zu mir hoch, als würden wir hier gleich eine Märchenstunde abhalten. Also, es war einmal in einem Land vor unserer Zeit… Ok. Falscher Film. Ganz falscher Film.
„Gibst du dich mit einem ‚einfach so‘ zufrieden?“, erwidere ich genervt und hätte ihm am liebsten einen Tritt verpasst. Oder einen Fausthieb. Von mir aus auch eine Magendarmgrippe. Einfach irgendwas, um ihn loszuwerden.
V’s Lippen zucken amüsiert, was wohl gleichbedeutend mit einem „Nein“ zu verstehen ist. Aber was erwarte ich von einem Mann, der es liebt, andere so richtig zu quälen. Genau das. Und nichts anderes.
„Einfach so also“, wiederholt mein Gegenüber in einem sarkastischen Unterton und befördert eine Hand hinauf zu dem Dutt auf seinem Kopf. Mit geübten Fingern zieht er die beiden blauen Haarnadeln aus der Frisur heraus und lässt die langen platinblonden Haare wie in einer Shampoo-Werbung schwungvoll über seinen Rücken fallen.
„Wie wäre es, wenn wir dir anders Erleichterung verschaffen, hm?“ Der Mann vor mir wickelt spielerisch eine blonde Haarsträhne um seinen linken Zeigefinger und benimmt sich wie ein Teenie-Mädchen, das das Flirten aus der BRAVO-Zeitschrift gelernt hat. Ich ziehe skeptisch eine Augenbraue in die Höhe. Nimmt er mich aufs Korn? Oder macht ihm das einfach nur Spaß?
„Worauf willst du hinaus?“, hake ich genervt nach und schiele heimlich zu der Festplatte unter dem Kissen. Prompt spüre ich V’s Hand auf meinen Unterschenkel, die sogleich langsam und gemütlich auf zwei Fingern zu meinem Knie hoch spaziert, als hätte jemand mein Bein ohne mein Einverständnis als Wandergebiet in einem Reiseführer für Hände auf Abwegen markiert. Meine Augen folgen den Fingern und mein Atem gerät unwillkürlich ins Stocken. Nicht wegen dem, was V tut, sondern wegen den frischen Kratzer auf dem Rücken seiner Hand, die garantiert nicht vom Spielen mit einer Katze herführen. Ein ungutes Gefühl keimt in mir auf. Ein verdammt ungutes Gefühl.
„Statt dir anzusehen, was auf der Festplatte ist, könnten wir es stattdessen auch einfach… nachspielen?“, schlägt V mit leicht belegter Stimme vor und legt wie ein kleines Mädchen den Kopf schief. Ich schlucke und kann meinen Blick kaum von den Kratzern lösen. Was zum Henker ist passiert und wie zum Teufel sind die entstanden?
„Wie nachspielen?“
„Ein kleines Rollenspiel.“
„Nein. Garantiert nicht. Vergiss es, niemals. Such dir doch einen anderen für so eine abgefuckte Nummer“, sage ich wie mechanisch und eine Spur zu schroff, so dass V als allererste Reaktion auf meine Abfuhr doch tatsächlich überrascht zusammen zuckt, als hätte er nicht mit Einwänden gerechnet. Und schon gar nicht mit so harsch formulierten. Na gut, ein Rollenspiel unter Freunden direkt als eine abgefuckte Nummer abzustempeln, war vielleicht ein bisschen zu viel. Trotzdem.
„Was spricht dagegen?“
„Alles?“, Ich hole einmal tief Luft und sammle mich, bevor ich die nächsten Worte ausspreche, die V hoffentlich klar machen, dass ich kein Interesse an ihm oder an sowas wie einem Rollenspiel mit ihm habe. Wirklich so überhaupt gar kein Interesse. Jetzt nicht und auch zu keinem anderen Zeitpunkt. Niemals.
„Außerdem weißt du ganz genau, auf was ich stehe, und Männer gehören definitiv nicht dazu. Sorry, Kumpel. Aber danke für das Angebot, weiß ich zu schätzen. Ehrlich“, lenke ich ein und befördere seine Hand von meinem Knie. Keine Sekunde später landet die andere Hand auf meinem anderen Knie. Und die Hand ist genauso zerkratzt wie Hand eins.
„Der Sinn eines Rollenspiel ist es, in eine andere Rolle zu schlüpfen“, klärt Vergil mich auf, als hätte ich keine Ahnung, was ein Rollenspiel ist, dabei weiss er ganz genau, dass ich mich mit Rollenspielen jeglicher Art bestens auskenne. Schließlich bin ich oft genug in meiner Vergangenheit auf diversen Chatportalen in andere Rollen geschlüpft, um meine widerlichen Fantasien wenigstens irgendwie auszuleben zu können. Klingt im Nachhinein betrachtet eigentlich ziemlich traurig ist. Was es auch ist. Trotzdem brauche ich diese Erfahrung, was Rollenspiele betrifft, nicht unbedingt im echten Leben.
„Woher stammen die Kratzer?“, frage ich V also total unverblümt, um erstmal von der Rollenspiel Sache abzulenken und das Gespräch auf etwas viel Dringlicheres zu lenken. Ertappt zieht der Mann die Hand von meinem Knie zurück und bedeckt diese mit der anderen Hand, die genauso schlimm aussieht.
„Was zur Hölle ist passiert, V?“, platzt es aus mir heraus und der Drang seine Hände in meine zu nehmen und sie abzureißen oder sonst was denen anzustellen, ist immens.
V streicht sich schulterzuckend mit dem Daumen über die Kratzer und mit jeder Sekunde, die er verstreichen lässt, zeichnet sich die Schuld immer mehr in seinem Gesicht ab.
„Ich glaube, ich werde rückfällig“, erwidert er schlussendlich und so leise, dass ich ihn beinahe nicht verstanden hätte.
„Du glaubst?!“
„Das ist alles, was passiert ist. Mehr nicht“, er deutet mit seinem Kinn auf die Kratzspuren auf seinem Handrücken und will jetzt wohl ernsthaft so tun, als wäre das kein großes Ding. Nicht der Rede wert. Als ob.
„Sind die Kratzer von deinem Bruder?“, bohre ich nach und denke nicht einmal daran locker zu lassen. V nickt träge und stößt hart die angestaute Luft aus seiner Lunge heraus.
„Er ist wieder mit seinem bescheuerten Plan um die Ecke gekommen“, beginnt er und blickt mit seinen babyblauen Augen zu mir hinauf. „Wir haben uns ziemlich heftig gestritten und irgendwann bin ich auf ihn losgegangen“, V stoppt abrupt und rauft sich die Haare. „Scheisse Mann, es hätte nicht mehr viel gefehlt und ich hätte ihn gefickt, einfach weil er es drauf angelegt hat.”
“Hast du aber nicht”, führe ich seine Erzählung fort und kann mir dabei den fragenden Unterton in meiner Stimme nicht verkneifen.
“Nein natürlich nicht“, bestätigt er und sieht mich zerknirscht an, dann lacht er verbittert auf. „Aber es hätte nicht mehr viel dazu gefehlt. Statt ihn zu ficken, habe ich einfach die Knarre aus meinem Nachtisch geholt und wollte mir damit den Kopf wegpusten. Einen schönen Schlussstrich setzen. Du weißt schon“, V formt mit seiner zerkratzten Hand eine Pistole und hält sie sich an die Schläfe. Ein leises „Puff“ verlässt seine angespannten Lippen, als er so tut, als würde er abdrücken. „Aber er hat mich davon abgehalten, abzudrücken.“
„Wie?“
„Was, wie?“
“Wie hat er dich davon abhalten können abzudrücken?”, formuliere ich meine Frage neu und fühle mich plötzlich mies dabei V so zu löchern und indirekt anzuprangern. V seufzt und macht mit seiner Hand eine wegwerfende Bewegung.
“Mit dem beschissenen Plan. Wie immer. Die ganze verquirlte wir-könnten-danach-zusammen-ein-neues-Leben beginnen-Scheisse und der ganze Bullshit”, erwidert er niedergeschlagen und taxiert mit seinen Augen die Zimmerdecke, um meinem Blick auszuweichen. „Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, was?“, lacht er, aber es ist ein trostloses Lachen.
“Du weißt, dass du den Plan nicht durchziehen kannst. Das wird niemals funktionieren”, erinnere ich V und verwende bewusst seine eigenen Worte, die er verwendet hat, als er mir zum ersten Mal vom Plan seines Bruder erzählt hatte. Damals war er selbst noch felsenfest überzeugt davon gewesen, dass das, was sein kleiner Bruder vorhat, purer Wahnsinn und Selbstmord ist. Das ist nun einige Monate her und so wie es aussieht, kommt V wohl allmählich selbst ins Straucheln, was seine eigenen Überzeugungen betrifft und wenn selbst einer wie V ins Wanken kommt, sieht es für mich schlecht aus. Was mache ich mir überhaupt vor. Der Beweis dafür, dass ich mich nicht im Griff habe und dass ich eine tickende Zeitbombe bin, liegt unter meinem Kopfkissen begraben. Dämliche Festplatte.
“Und wenn doch? Was ist, wenn der Plan aufgeht und wir danach wirklich so etwas wie eine gemeinsame Zukunft haben? Er und ich, im Schlaraffenland, glücklich vereint und wenn sie nicht gestorben sind und so weiter und so fort”, V sieht mich wieder an. Am liebsten hätte ich ihm einen Spiegel vorgesetzt, damit er die greifbare Verzweiflung in seinem Gesicht erkennt und wieder zur Besinnung kommt. Er würde lachen. Oh ja. Er würde sich definitiv selbst auslachen, wenn er sich jetzt so sehen könnte.
“Ist der Preis dafür zu hoch”, erneut verwende ich V’s eigene Worte, in der Hoffnung damit irgendetwas bewirken zu können und dabei einen unsichtbaren Hebel zu betätigen, der dafür sorgt, dass der Mann wieder klar denken kann und zur Besinnung kommt.
“Ich weiss ja, dass du recht hast”, pflichtet V mir nach einem tiefen Atemzug bei und lässt den Kopf hängen. “Trotzdem muss ich mich entscheiden. Entweder für ihn oder gegen ihn. In einem Monat ist es soweit. Er wird sich nicht aufhalten lassen und ich kann nicht ausblenden, dass ich etwas für ihn empfinde. Mehr als mir lieb ist. Mehr als ich jemals für irgendjemanden empfunden habe und genau das ist mein beschissenes Problem. Er ist meine Achillesferse sozusagen. Würde ich nichts empfinden, wäre die Entscheidung so einfach wie einem Kind den Lutscher zu klauen.”
“Er macht dich kaputt, V.”
“Andersrum. Ich habe ihn kaputt gemacht und ich muss die Suppe nun auslöffeln.” Ein gequältes Lächeln drängt sich auf seine Lippen. “Und das weiß er, deshalb spielt er mit mir und hat damit sogar Erfolg, weil ich es zulasse. So ungern ich es zugebe, denke ich nicht rational, wenn es um ihn geht. Ich weiß das und ich weiß, was ich dagegen tun sollte. Aber ich kann es nicht. Er ist mein Bruder und irgendwie bin ich stolz auf ihn. Er ist ein kleines Arschloch geworden, hat Biss bekommen.”
“Hättest du wirklich abgedrückt, wenn er dich nicht aufgehalten hätte?”, hake ich nach einer Pause nach. Das gequälte Lächeln in V's Gesicht verwandelt sich in einen angespannten Strich. Die babyblauen Augen verengen sich.
“Natürlich nicht, das war nur ein Test. Hätte er mich abdrücken lassen, wäre meine Entscheidung in diesem Moment gefallen. Aber da er mich abgehalten hat, bedeute ich ihm was oder zumindest sein beschissener Plan bedeutet ihm etwas. Und das fickt mich. Er fickt mich. Ich brauche ein gottverdammtes Ventil oder ich explodiere, verdammt”, V‘s Hände Ballen sich zu Fäusten, bereit alles windelweich zu hauen, was sich ihnen in den Weg stellt.
„Scheisse“, erwidere ich leise und weil mir nichts Besseres einfällt, werfe ich ein „scheint so als hätten wir beide einen beschissenen Tag hinter uns“ hinterher.
„Ja. Scheisse trifft es ganz gut. Wäre es nicht so viel einfacher, wenn wir uns gegenseitig ein Ventil geben könnten, Tim?”, V seufzt, lockert die Fäuste und lässt sich mit dem Rücken voran auf den Boden plumpsen.
„Mein alter Herr meinte einmal zu mir, dass unser Körper lediglich Masse sei und einzig allein der Geist zählen würde. Man müsse das Gefäß erst kaputt machen, damit sich die Seele darin entfalten und lösen könne. Bla, bla. Bla-Bull-Shit. Ich bin sowas von kaputt und fühle mich absolut nicht losgelöst. Im Gegenteil. Ich platze. Wortwörtlich. Und deswegen muss ich mir jetzt einen runterholen.“
V’s Hand verschwindet schamlos unter dem Bund seiner Hose. Okay. Das nenne ich mal eine 180 Grad Wendung.

„Was dagegen, wenn wir uns das Tape gemeinsam ansehen? Ich bin mehr als geladen und Arielle die Meerjungfrau ist nicht ganz so mein Fall“, V blickt zu mir hoch und hebt fragend eine Augenbraue in die Höhe.
„Eigentlich wollte ich..“, setze ich zu einer Antwort an und halte inne. V’s Worte hallen in meinem Kopf wider und tun dort genau das, was er mit ihnen garantiert beabsichtigt hat. Ich denke tatsächlich - kneift mich mal bitte einer in den Arsch - über seinen blöden Vorschlag nach. Aber was ist, wenn es wirklich eine Möglichkeit gäbe, sich gegenseitig ein Ventil zu bieten, um solche beschissenen Tage erträglicher zu machen? Ein Rollenspiel unter Leidensgenossen, völlig legal und hinter verschlossenen Türen. Kein anderer würde zu Schaden kommen. Fuck. Ob mein Körper bei sowas überhaupt mitmachen würde? Wäre ich fähig, meinen Verstand zu überlisten und mir einzubilden, dass V genau das verkörpert, was ich begehre und brauche?

Ich schaue den Mann vor mir nochmal intensiver an und verfluche mich innerlich. Ja. V hat zwar androgyne Gesichtszüge, aber ehrlich gesagt schaffe ich es teilweise nicht einmal, mich zu Frauen in meinem Alter hingezogen zu fühlen. Wie soll ich es denn bei ihm schaffen? Andererseits könnte es sein, dass wenn es bei mir nicht klappt, bei ihm klappen und ich sein Ventil sein könnte, dass ihn davon abhält durchzudrehen und die Kontrolle zu verlieren. Zum Teufel, ich hasse mich. Ich hasse mich so sehr dafür, es überhaupt in Erwägung zu ziehen. Tim, du elendiger Samariter.
„Wie stellst du dir dieses Rollenspiel denn überhaupt vor?“, höre ich mich fragen, immer noch unsicher, ob ich überhaupt wirklich Lust auf dieses ach so tolle ‘Experiment’ habe. Statt überrascht von meinem plötzlichem Interesse zu sein, schliesst V zufrieden die unschuldig trügerischen babyblauen Augen, während er sich ohne jegliches Schamgefühl weiter vor mir einen runterholt.
„Du bist der Mann und stellst es dir vor -  und ich bin das Mädchen und lasse es dich spüren, mehr nicht. Keine Angst, ich ficke dich schon nicht“, antwortet V gelassen. Seine Zunge blitzt für einen Sekundenbruchteil hervor, dann presst er die Lippen aufeinander und wirkt sichtlich angetan von dem, was gerade in seiner Hose stattfindet. Na großartig…
„Und was hast du von der ganze Sache?“, frage ich plump.
„Hoffentlich keine weitere Kerbe unter meinem Tattoo“, erwidert er grinsend, als wüsste er, dass er mich bereits am Haken hat, dann öffnet er ein Auge einen Spalt und blickt zu mir hoch. „Doch interessiert?“, erkundigt er sich in einem scheinheiligen Tonfall.
„Also kein Sex, nur spielen. Verstehe ich das richtig?“
V nickt. Ich hole tief Luft und stöhne einmal genervt auf. Später werde ich mir garantiert dafür in den Arsch beissen. „Und was soll ich tun?“
V zieht blitzschnell die Hand aus der Hose und setzt sich kerzengerade hin.  
“Die Augen schließen und das Kopfkino anstellen. Mehr nicht. Es sei denn, du willst dir zusätzlich das Tape dazu ansehen. Die Entscheidung überlasse ich selbstverständlich dir", das Grinsen in V's Gesicht nimmt die Größe eines Fußballfeldes an.
Als Antwort, fahre ich den Mittelfinger aus und gebe ein leicht angepisstes „Fick dich“ von mir.
V sieht mich erwartungsvoll an. „Bereit, wenn du es bist.“
"Also ich soll die Augen schliessen und mir einfach irgendwas Tolles vorstellen, hm?"
"Stell dir vor, ich wäre jemand anderes."
Ich rolle mit den Augen und lehne mich ein wenig auf dem Bett zurück, dann schließe widerwillig die Lider. „Wehe, du missbrauchst mein Vertrauen, V“, knurre ich noch, als mich plötzlich etwas am Bein kitzelt. Prompt fahre ich zusammen und öffne misstrauisch ein Augenlid, um zu besagter Stelle zu schielen. Okay. Nur V‘s platinblonde Haare, die über meine Haut streichen. Kein Schwanz. Gott sei Dank.
„Keine Angst, es ist auch für mich das erste Mal”, lacht V sich ins Fäustchen.
„Ich hasse dich”, murmle ich und hätte den Mistkerl am liebsten getreten. Oder aus dem Fenster geworfen. Von mir aus auch mit einem Auto überfahren.  
„Konnte mir den Spruch nicht verkneifen“, erwidert er schmunzelnd und wickelt sich spielerisch eine blonde Haarsträhne um den Finger.

„Halt einfach die Klappe, bevor ich es mir anders überlege.“
„Ja Papa, ich bin ab jetzt ein braves Mädchen. Versprochen.“
Papa. Ehe ich reklamieren kann, streifen mich V's Haare erneut an meinem Bein und ich zucke abermals zusammen. Die Versuchung ist groß, einfach in sein langes Haar hinein zu greifen und ein Büschel davon herauszureißen, weil dieser Blödmann es wirklich geschafft hat, mich zu diesem Bullshit zu überreden und auch noch so dreist ist mich zu ärgern. Aber ich lasse es bleiben und schliesse widerwillig die Augen, um den Bullshit endlich hinter mich zu bringen. Ein kalter Luftzug erfasst mich, als V meinen Bademantel leicht öffnet und mit ein paar Handgriffen meinen Bauch sowie meinen Unterkörper von dem Frotteestoff befreit. Prompt ist es mir unangenehm, vor ihm so entblößt zu sein, obwohl er mich bereits schon so oft nackt gesehen hat. Halt nur nicht so nah. Und intim. Und in diesem Kontext.
Ich schlucke das unangenehme Gefühl hinunter und versuche mich wenigstens fünf Minuten lang zusammen zu reissen. V nutzt die Gelegenheit und kniet sich zwischen meine Beine und als warme Haut sich an warme Haut schmiegt, frage ich mich, ob es ihm genauso unangenehm ist wie mir. Ich weiss eigentlich nicht viel über V’s Vorlieben, aber ich weiss, dass er definitiv zu der dominanten Sorte Mann gehört und sowas bei ihm normalerweise anders herum abläuft. Er steht und der andere kniet. Vielleicht wäre es in unserem Fall einfacher gewesen, wenn wenigstens einer von uns beiden eine devote Seite in sich hätte, dann wäre zumindest einer jetzt in seinem Element. Aber so?  
Bevor ich mir weiter Gedanken über sowas machen kann, spüre ich V’s Hände auf meinen Oberschenkeln. Warm. Ein sanftes Streicheln. Ich lasse es geschehen, merke aber bereits, wie sich die Härchen in meinem Nacken aufstellen und sich wahrscheinlich fragen, was zum Fiffie wir hier gerade tun. Sorry Jungs, ich weiß es auch nicht, da müssen wir jetzt durch.

Feingliedrige Finger gleiten sanft und langsam von meinem Bein über die Innenseite meiner Schenkel und nähern sich in einem gemächlichen Tempo, aber mir persönlich viel zu rasant, meinem Schritt, wo sich - oh Wunder! - so absolut gar nichts regt. Im Gegenteil. Die Berührung von V an einer so intimen Stelle von mir löst ein so starkes Nicht-mein-Ding-Gefühl aus, so dass ich reflexartig zurückweiche und mich sämtlicher Annäherung in diesem Bereich vollends entziehen will, was darin endet, dass ich mir bei meinem Rückzugsmanöver ein paar Kratzer einheimse, weil V versucht mich gegen meinen Willen festzuhalten und sich seine spitzen Fingernägel zwischen mich und meinen Fluchtversuch drängen wollen.
“V, das klappt nicht”, sage ich, schlage die Augen auf und seine Hände von mir weg. Ich kapituliere. Samariter hin oder her. Ich bin kein geeignetes Ventil für V. Nein, das bin ich definitiv nicht.
Doch statt klein beizugeben und meine Kapitulation zu akzeptieren, streckt V seine Arme nach oben und gibt mit einer kindlichen Stimme ein forderndes “Ausziehen!” von sich.
“Was?”, blaffe ich ungläubig und schüttle instinktiv mit dem Kopf.
“Ausziehen, bitte”, wiederholt der Mann vor mir mit derselben kindlichen Stimme wie zuvor und deutet mit seinem Kinn auf die hochgestreckten Arme. Ist das sein ernst mit dieser Stimme? Es schüttelt mich innerlich. Das vorhin war mir schon zu viel. Aber das hier? Das ist viel zu viel. Nie im Leben kaufe ich ihm diese Nummer ab, dafür fehlt mir einfach die dafür notwendige Fantasie.
“Lass das. Das Rollenspiel ist hiermit beendet, ist nicht mein Ding”, fauche ich V an, kurz davor aufzustehen, ihn rauszuwerfen und mich nochmal unter die Dusche zu stellen, um dieses von Scham behaftete Gefühl, dass nun auf mir klebt, von meiner Haut zu schrubben.
“Bitte, bitte, bitte”, piepst V und sieht mich dabei an wie ein Hundewelpe. Große, babyblauen Augen eingebettet in einem dichten Wimpernkranz.
Maaaaann. Muss das sein? Kann er sich nicht einen anderen dafür suchen?
Mein Blick fällt, als ob ich mich selbst geißeln will, auf die roten Striemen auf V’s Händen, die mich sogleich schmerzlich daran erinnern, dass die Möglichkeit besteht, dass wenn ich jetzt einen Rückzieher mache, weitere Kratzer hinzukommen könnten. Vielleicht von jemanden, der sich dann nicht wehren oder gegen ihn behaupten könnte. Eine neue Kerbe unter dem tätowierten Wolfskopf auf V’s Rücken. Scheisse. Und irgendwie wäre das meine Schuld, weil ich mich nicht zu diesem perversen Spielchen überwinden konnte. Fuck.
“Ach, fick dich”, murmle ich geschlagen und komme missmutig V’s dummer Bitte nach. Ich lehne mich vor und ziehe ihm das absolut nicht mädchenhafte Cradle-of-Filth-T-Shirt über den Kopf. Und siehe da. Großartig. Noch mehr Kratzer kommen zum Vorschein. Einige davon tief. Absolut großartig! Ein Fluch verlässt meine Lippen.
“Scheisse, V. Was hast du...”
Den Moment meiner Unachtsamkeit nutzt V schonungslos aus. Er verringert so schnell die Distanz zwischen uns und küsst mich, bevor ich den Satz überhaupt beenden kann. Es ist kein normaler Kuss. Keiner, wie man ihn aus schmalzigen Liebesfilmen kennt. Nein. Eher wie der unbeholfene Kuss eines Kindes beim Flaschendrehen. Einer, der schnell gehen muss und nicht wirklich gewollt oder sogar ein bisschen peinlich ist - und während unsere Lippen aufeinander liegen, überkommt mich das dringliche Gefühl, als wäre ich jetzt wirklich an der Reihe den Samariter zu spielen, und V zu retten, statt wie so oft er mich. Also erwidere ich den Kuss, obwohl ein grosser Teil von mir sich dagegen sträubt und auf der Stelle abhauen möchte. Aber Abhauen ist keine Option mehr. Nicht nachdem ich seinen nackten Oberkörper und das Resultat des fehlendes Ventils zu Gesicht bekommen habe. Okay. Gut. Wir ziehen das jetzt durch. Wir müssen es einfach durchziehen. Und wenn wir das schon durchziehen, dann richtig. Mit Herz. Und Verstand. Ich bemühe ich mich V so zu küssen, als würde ich es wollen und als hätte ich eine Ewigkeit auf diesen einen Moment gewartet, was zugegeben ziemlich kitschig klingt.

Es dauert auch gefühlte Ewigkeit, bis ich über meinen Schatten gesprungen bin und wirklich Sanftheit in den Kuss einfließen lassen kann. Auch V muss sich erst daran gewöhnen, dass ich auf mehr als einen billigen Flaschendreh-Kuss beharre und ihn sinnlicher küsse, als er es sich vielleicht gewohnt ist. Denn er ist grob und hektisch und ich muss ihn erst davon überzeugen, dass ich den Takt bei dem Bullshit, den wir hier abziehen, angeben will und er wohl oder übel ausnahmsweise Mal nach meiner Pfeife tanzen muss. Was sich anfangs seltsam und ungewohnt anfühlt, wird je länger wir es fortführen, intensiver und…tatsächlich beinahe schon berauschend. Unsere Münder und Zungen verschmelzen miteinander und finden einen gemeinsamen Rhythmus. Ich ertappe mich sogar ernsthaft dabei, wie ich in die Versuchung komme, V’s Gesicht zu umfassen. Ach Quatsch. Ich mache es sogar und seine Hand  verirrt sich wenig später unter meinen Bademantel, wo er seine Finger wahnsinnig zaghaft auf Erkundungstour schickt. Ich greife in V's dichtes Haar hinein und er…. Ich will gar nicht daran denken und lenke mich schnell mit einer blonden Haarsträhne ab, die ich um meinen Zeigefinger wickele, so wie er es immer bei sich selbst tut und was ich irgendwie an ihm mag. Vielleicht weil es etwas Kindliches und Verspieltes an sich hat.

Lange blonde Haare. Babyblaue Augen. Samtig weiche Hände. Dieses unbeholfene Herantasten und dann noch dieser Kuss, der plötzlich von grob und hektisch zu sanft und niedlich geworden ist. Mein Kopfkino springt ungewollt an und vor meinem inneren Auge verwandelt sich der blonde Mann plötzlich in ein Mädchen ganz nach meinem Geschmack. Jung, süß, weich, unbeholfen, unschuldig und trotzdem auf gewisse Weise neugierig. Scheisse verdammt. Funktioniert der Scheiss nun wirklich? Ist das die Lösung, nach der wir gesucht haben? Falls ja, will ich mehr davon. Brauche ich mehr davon.

Hoffnungsvoll will ich V dichter zu mir heranziehen und meiner Fantasie freien Lauf lassen, doch er blockt abrupt ab und entwindet sich unerwartet meinem Griff. Beendet sogar den Kuss. Die neu gewonnene Distanz zwischen unseren Mündern fühlt sich überraschend kühl an und ich merke unweigerlich, wie das warme Gefühl einem eisigen Frösteln weicht, dass sich auf meinem kompletten Körper ausbreitet wie ein Schneesturm, der über einen hinweg fegt und einen unter sich beerdigt.

Ich schlage irritiert die Augenlider auf und blicke in ein entsetztes Augenpaar.
„Nicht gut“, stammelt V und rutscht mit seinem Hintern von mir weg. „Gar nicht gut.“
Ich runzle die Stirn und schaue ihn total verdattert an. „Was ist los?“, frage ich etwas atemlos.
Nun werden V's Augen ganz groß. Unterteller-Tassen-Groß.
„Es kribbelt da unten ganz doll, Papa. Ist das normal?“, fragt der Kerl mich doch ernsthaft und hat wieder seine kindliche Stimme dafür ausgepackt. Okay. Unangenehm. Verarscht der  Drecksack mich jetzt? Ich spüre, wie sich meine Zehennägel vor Scham wie ein Gürteltier einrollen. Ich schlucke und will lachen gleichzeitig, doch das Lachen bleibt mir im Hals stecken und die Spucke läuft so zähflüssig meinen Hals hinab, dass ich das mit dem Schlucken noch einige Male wiederholen muss, bis mir ein „Ernsthaft jetzt?“ über die Lippen geht.

V legt den Kopf schief und dann setzt der Mistkerl den ganzen noch die Krone auf, in dem er wie auf Knopfdruck errötet und beschämt auf den Boden guckt.
„Tut mir leid, Papa. Nicht böse sein“, piepst er scheinheilig. Mal davon abgesehen, dass Vater-Tochter-Spielchen selbst mir zuwider sind, ist mir das hier, was zwischen uns gerade abläuft, erst recht zuwider.
„Raus!“, brülle ich V an. Meine Hand ist damit total einverstanden und zeigt diesem Mann unaufgefordert, wo der Mauer das Loch gelassen hat. V zuckt merklich zusammen, zieht die Schultern hoch, als wollte er sich hinter diesen verstecken und fängt an zu bibbern, selbst die Unterlippe bibbert mit. Die babyblauen Augen glotzen mich noch immer in Unterteller-Tassengröße an. Zum kotzen sowas. Wirklich zum kotzen.

„Darf ich…. Darf ich es wieder gut machen?“, stottert der Mann kleinlaut und kindlich herum. Fuck. Kann er bitte damit aufhören?! Ich stehe vom Bett auf und packe ihn grob am Arm, um ihn, wenn’s nötig ist, höchstpersönlich aus dem Zimmer zu schleifen. V gibt ein „Aua“ von sich, dicht gefolgt von einem anprangerndem „du tust mir weh!“, was mich so kalt lässt, wie der Tod eines Massenmörders. Hoffentlich tut‘s weh.
Doch dann mache ich einen gravierenden Fehler. Die Kratzer. Sie tauchen wieder in meinem Sichtfeld auf und nicht nur die, sondern auch V‘s Tränen, die über seine Wangen kullern.
"Bitte, hass mich nicht", schluchzt der Mann und dreht mir für eine Sekunde den Rücken zu. Die Sekunde reicht, um die frische Kerbe zu entdecken, die aus den siebzehn Strichen auf seinem Rücken plötzlich Achtzehn machen.
Der Arm ist schneller losgelassen als ein heißes Bügeleisen. "V, was zur Hölle hast du getan!?"

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